FAQ: ab 2012 neue Schieflast/Leistungsbegrenz/Blindleistung

Alles über Photovoltaik Wechselrichter...

Moderator: Mod-Team

 

5.00 (1 Bewertungen)

FAQ: ab 2012 neue Schieflast/Leistungsbegrenz/Blindleistung

Beitragvon Weidemann » 23.10.2011, 12:50

Stand: März 2012

Gliederung:

1.) AR 4105: 50,2 Hz-Problem, Schieflast, Blindleistung

2.) EEG 2012: Leistungsbegrenzung/Abregelung


1.) VDE-AR-N 4105 ("Niederspannungsrichtlinie")

50,2Hz-Problem:
Alle neuen WR erfüllen die Norm.
Zur Nachrüstung: es ist im Gespräch, dass Anlagen mit Inbetriebnahme nach 9/2005 und >10kWp nachgerüstet werden müssen http://www.vde.com/de/fnn/arbeitsgebiet ... 011-09.pdf
Das wird vom Netzbetreiber organisiert und beauftragt, den Betreiber treffen keine Kosten: pv-news-f25/einigung-bei-den-kosten-zur-50-2-hz-nachruestung-t75287.html

Schieflast und Blindleistung:

Achtung, die Grenzen sind in kVA und nicht in kWp wie beim EEG!
unter 3,6kVA:
keine Blindleistung nötig (aber trotzdem 70% Abregelung oder Fernsteuerbarkeit, s.u.)

ab 3,68 kVA:
Maximal 4,6 kVA Schieflast pro Phase
Bereitstellung von Blindleistung, cos(phi) bis 0,95

ab 13,8 kVA:
Bereitstellung von Blindleistung, cos(phi) bis 0,90
Einsatz dreiphasiger Wechselrichter oder kommunikative Kopplung dreier einphasiger Geräte ("Power-Balancer") für die Leistung, die 4,6 kVA pro Phase übersteigt

ab 30 kVA:
zusätzlich: externer zentraler NA-Schutz in einfehlersicherer Ausführung (=Netzüberwachung von Spannung, Frequenz, also das was heute schon in den einzelnen WR drin ist. Wenn alle WR über Inselnetzerkennung verfügen, darf der NA-Schutz ohne Inselnetzerkennung ausgeführt werden)
keine jederzeit zugängliche Schaltstelle mehr vorgeschrieben

ab 100kVA:
wiederum zusätzlich: ferngesteuerte Leistungsbegrenzung
keine jederzeit zugängliche Schaltstelle mehr vorgeschrieben

Fazit Schieflast: neue Grenze starr bei 4,6 kW (vorher 5,06kW), aber es sind auch weiterhin beliebig große einphasige WR erlaubt!

-Altanlagen genießen Bestandsschutz, sofern nicht Änderungen, die wesentliche Auswirkungen auf das elektrische Verhalten am Netzanschluss haben ,vorgenommen werden
-Bei der Erweiterung oder Nachrüstung bestehender Anlagen zählt die bereits vorhandene Anlagenleistung mit. Für den neu hinzugefügten Anlagenteil gelten also die Grenzwerte, die nach der neuen Gesamtleistung der Anlage bemessen sind.
==> Bemessungsgrundlage sind alle am gleichen Anschluss betriebenen Anlagen (egal wie alt)

Beispiel:
Altanlage aus 2008 mit 12 kWp, Zubau 2012 mit 5kWp: die neu zugebauten 5kWp müssen blindleistungsfähig sein, mit cos(phi) bis 0,90 (da insgesamt über 13,8 kVA WR-Leistung)!
Auslegung: Dimensionierung 0,95 und Blindleistung 0,9 ==> es sind ca. 5kWp x 0,95 / 0,9 = 5,3 kVA WR-Scheinleistung nötig. (Bei einem einphasigen WR dürfen es aber maximal 4,6kVA sein.)

Wenn dazu noch die Leistung auf 70% begrenzt wird (siehe unten), kommt man auf 5kWp x 0,7 = 3,5kW ac, oder Scheinleistung: 3,5kW / 0,9 = 3,9 kVA, auf die der WR begrenzt werden muss.

-externe Blindleistungskompensation ist nicht zulässig, sie muss im WR stattfinden.

Leistungsfaktor-Vorgabe:
Entweder Blindleistung wird laut Kennlinie linear, ab halber Leistung bis zur Nennleistung, eingespeist! Also immer bei Vollast auch noch maximale Blindleistung. Dies ist automatisch in den Wechselrichtern eingestellt.
Oder der Netzbetreiber gibt eine Kennlinie vor, diese kann am WR eingestellt werden.

Also muss bei Auslegung immer mit der maximalen Blindleistung gerechnet werden (Faktor 0,95 bzw. 0,9).
Ganz grob kann man sagen, dass die WR-Scheinleistung für Südanlagen gleich der Wp-Leistung der Module sein muss, es ist keine wesentliche WR-Unterdimensionierung mehr möglich.



-daneben noch weitere Vorschriften: z.B. Nach einem Netzfehler darf der WR seine Nennleistung erst nach 10 Minuten erreichen (Steigerung 10%/Minute)

Quelle: http://www.sma.de/de/produkte/solar-wec ... b868b1dfdb, dritte Auflage, Stand August 2011



2.) EEG 2012, Leistungsbegrenzung
ab 1. Januar 2012 : nach § 6 EEG 2012:
Reduzierung der Einspeiseleistung bei Netzüberlastungen:

über 30 kWp: Einspeiseleistung muss ferngesteuert durch EVU reduzierbar sein, Ertragsausfall wird entschädigt.

über 100 kWp: zusätzlich muss eine Einrichtung zur Abrufung der jeweiligen IST-Einspeisung vorhanden sein, Ertragsausfall wird entschädigt.

unter 30 kWp besteht die Wahl:
Entweder technische Vorrichtungen zur Reduzierung der Einspeiseleistung (mit Entschädigung bei Abregelung),
oder Begrenzung der maximale Wirkleistungseinspeisung auf 70 Prozent der installierten (PV?-)Leistung, dann jedoch KEINE Entschädigung für den entstehenden Verlust von 3-8%.

(Der Verlust ist am höchsten bei Südausrichtung, eher steilerem Dach, und in Gebieten mit hoher Einstrahlung. Unproblematisch sind dagegen Ost-West-Anlagen an einem WR, siehe hier: die-70-prozent-regelung-der-einspeiseleistung--p637506.html#p637506 und hier: die-70-prozent-regelung-der-einspeiseleistung--p637553.html#p637553 ).

Nachrüstung Altanlagen:
über 100 KW: Nachrüstung bis 1. Juli 2012 vorgeschrieben.
30 bis 100 KW und Inbetriebnahme nach dem 31.12.2008: Nachrüstung bis 1. Januar 2014 vorgeschrieben.
unter 30 kW: müssen nicht nachgerüstet werden.
Nachrüst-Kosten trägt der Anlagenbetreiber.

(Quelle: http://www.sfv.de/artikel/eeg-novelle_2012.htm, 8.7.2011, also gemäß Beschluss des EEG 2012.)

Bemessungsgrundlage für die Leistungsreduzierung:
Es zählen wie für die Vergütungsermittlung die Anlagenteile, die in den letzten zwölf Monaten in Betrieb genommen wurden.

Beispiel 1:
Altanlagen aus 2009 mit 40kWp und aus 10/2011 mit 20kWp, neue Anlage 6/2012 mit 12kWp:
zunächst werden nur 32kWp betrachtet, also ist für die neuen 12kWp die ferngesteuerte Abregelung vorgeschrieben.
Zusätzlich gibt es alte Anlagenteile mit dann zusammen 72kWp, also muss bis 2014 die ganze Anlage auf ferngesteuerte Abregelung nachgerüstet werden.

Beispiel 2:
Altanlage aus 10/2011 mit 12kWp, neuer Anlagenteil 5/2012 mit 6kWp:
Es besteht die Wahl ob für die neuen 6kWp die Einspeiseleitung auf 70% begrenzt wird, oder ob der WR der neuen 6kWp ferngesteuert abgeregelt wird. Die WR der alten 12kW-Anlage müssen nicht nachgerüstet werden.
Achtung: Die 70%-Begrenzung bezieht sich eigentlich nur auf die neu zugebaute Leistung (das "weiß" jeder), aber aus dem EEG würde man lesen, dass sich die 70% in diesem Beispiel auf die gesamten 18 kWp beziehen (also eine Begrenzung auf 12,6kW nötig wäre).

Daher sicherheitshalber vorher vom EVU schriftlich bestätigen lassen, dass der alte Anlagenteil weiterhin 100% einspeisen darf und nur der neue WR auf 70% begrenzt werden muss (also nur neuer Teil auf 4,2 kW begrenzt wird).

Es gibt seitens der EVU keine Vorgabe, ob die Begrenzung passwortgeschützt sein muss o.ä., es genügt wenn der Elektriker (im Inbetriebnahmeprotokoll bzw. bei der Anmeldung) vermerkt, dass die 70%-Begrenzung gewählt wurde.

Es spricht nichts dagegen, nachträglich von der 70%-Begrenzung auf die Fernsteuerbarkeits-Variante zu wechseln und umgekehrt.

Realisierung der 70%-Begrenzung:
Das EEG schreibt vor, dass der Betreiber die Wirkleistungs-Einspeisung am Netzverknüpfungspunkt auf 70% der Modulleistung begrenzen muss. Theoretisch wäre es möglich, bei einer 10kWp-Anlage bei Vollast 3kWp selbst zu verbrauchen (Eigenverbrauchsregelung, z.B. regelbaren Heizlüfter betreiben), damit wäre die Bedingung erfüllt.
Aber es gibt keine technische Lösung für dieses Probmlem, und sie wär eh teurer als die einfache Abregelung per Relais (s.u.), daher sind hier im Moment keine Entwicklungen zu erwarten.

Die einzige Lösung ist folglich, die Wirkleistung im WR-Menü auf 70% der Modulleistung zu begrenzen (oder die Scheinleistung entsprechend etwas höher begrenzen), und die Verluste von 3-8% in Kauf zu nehmen, s.o..

Realisierung der ferngesteuerten Abregelung:
Im Moment wissen die wenigsten VNB, wie sie die Abregelung realisieren wollen, und können dementsprechend keine Vorgaben machen. Der größte Teil der VNB (Stadtwerke etc.) hat noch keinerlei Rundsteuer-Infrastruktur, und kann demzufolge eh noch nichts regeln!

http://www.vde.com/de/fnn/arbeitsgebiet ... zu_EEG.pdf
Demzufolge:

Die Vergütungsanspruch gemäß EEG ist gesichert, wenn ein EinsMan (=Einspeise-Management)-fähiger WR eingesetzt wird. (das sind alle WR, bei denen der Hersteller die Regelung über einen Logger anbietet ("Powermanagement"), also praktisch alle aktuellen Geräte.)
Wenn der VNB irgendwann mal weiß, wie die Fernsteuerung aussehen soll, muss diese innerhalb von 3 Monaten nachgerüstet werden (oder wahlweise die Anlage dann auf 70% begrenzt werden, bei kleiner 30 kWp).

Bis Frühjahr 2012 soll ein ausführlicher "FFN-Hinweis" erarbeitet werden.
Der VDE empfiehlt, dass bei Anlagen bis 100kWp eine einfache Lösung aus Funk-Rundsteuerempfänger und Schaltrelais genügt, dies lässt sich meist für ca. 300 bis 1000 Euro realisieren.

Aber: Der VNB kan nachträglich auch eine andere Lösung verlangen, wenn dies verhältnismäßig ist. Teilweise wird schon verlangt, dass ein Ethernetkabel verlegt wird, also dieses immer mitverlegen bei neuen Anlagen! (vom Zählerplatz zu den Wechselrichtern, oder auch von der Straße zum Zählerplatz bei Neuanschlüssen.)

Die Preise für die Fernsteuerung unterscheiden sich extrem, und liegen zwischen 8 Euro jährlich und einmalig 4000 Euro (GPRS-Lösung): viewtopic.php?f=17&t=72649

Beispiel für die Installationsanleitung des Rundsteuerempfängers:
http://www.n-ergie-netz.de/N-ERGIE-NETZ ... er_EZA.pdf


Wenn die Anlage nicht nur per Relais auf 0 oder 100% geregelt werden soll, sondern auch auf 30% und 60%, ist noch ein entsprechende Logger (ca. 1000 Euro) nötig, der die Signale an die WR weitergibt. Hier arbeiten die WR-Hersteller an Vereinfachungen: bei Kostal kann man den RSE direkt am WR anschließen, bei Fronius genügen nachrüst-Schnittslellen am WR.
Aber bei den meisten Netzbetreibern genügt wohl im Moment die 0% und 100%-Regelung per Relais.

Dazu meine Frage an die Elektriker/Solateure/EVU-Mitarbeiter:

-Könnte sich eine ferngesteuerte Wirkleistungsreduktion auch für kleinere Anlagen lohnen? Was kosten die Gerätschaften im günstigsten Fall? Mit den SMA-Komponenten wären ja sicher 1000 Euro und mehr fällig, aber andererseits hauen 5% Verluste auch ziemlich rein.

-Wie soll die 70%-Begrenzung funktionieren? Genügt es, im WR-Menü die AC-Leistung zu reduzieren?
Das EEG sagt hierzu:
2. Anlagenbetreiberinnen und Anlagenbetreiber von Anlagen zur Erzeugung von Strom aus solarer Strahlungsenergie
1. ...
2. mit einer installierten Leistung von höchstens 30 Kilowatt müssen
a) die Pflicht nach Absatz 1 Nummer 1 erfüllen oder
b) am Verknüpfungspunkt ihrer Anlage mit dem Netz die maximale Wirkleistungseinspei-sung auf 70 Prozent der installierten Leistung begrenzen.


Kann das EVU aus diesem Paragraph einen Anspruch ableiten, dass die Wirkeistungsbegrenzung auch "verplombt" also durch Installateurs-Kennwort geschützt wird o.ä.? Ist ja sonst eine merkwürdige Vorschrift, so ganz auf Vertrauen.

Einfach die Sicherungen knapp zu dimensionieren, kann auch keine Lösung sein: Es gibt nicht alle Amperestärken, und es müssen (möglicherweise einmal) niedrigere Netzspannung (= höherer Strom), Blindleistungs-Einspeisung, Umgebungstemperatur etc. berücksichtigt werden. Da ist es unmöglich, genau die 70% zu "treffen".

Welche WR-Hersteller haben überhaupt, wie SMA bei den neueren Geräten, eine Wirkleistungsbegrenzung verbaut, die der Kunde selber einstellen kann?
Zuletzt geändert von Weidemann am 02.04.2012, 17:20, insgesamt 4-mal geändert.
Grund: aktualisiert 03/2012
sonnige Grüße,
-Weidemann-
Weidemann
Moderator
 
- Threadstarter -
 
Beiträge: 8224
Registriert: 09.08.2009, 12:01
Wohnort: Bayern
PV-Anlage [kWp]: 14
Info: Betreiber

Re: FAQ: ab 1.1.2012 neue Schieflast/Leistungsbegr./Blindlei

Beitragvon Weidemann » 01.11.2011, 21:38

-die neue Schieflastgrenze von 4,6 kVA bezieht sich ausdrücklich auf die Scheinleistung. Folglich beträgt die Wirkleistung bei cos(phi) 0,95 nur noch 4,37 kW, also kann man z.B. bei 90% WR-Dimensionierungsverhältnis nur noch maximal 4,85 kWp Modulleistung einphasig betreiben (bisher waren es maximal 5,6 kWp).

-zur 50,2Hz-Problematik:
Nachgerüstet werden sollen wohl laut VDE-Studie ANlagen, die nach dem 1.9.2005 ans Netz gegangen sind UND mehr als 10 kWp haben.

-ein Problem ergibt sich, wenn eine Anlage 2011 fertiggestellt wird, aber das EVU erst 2012 die Genehmigung zur Einspeisung gibt.
Es ist nicht geklärt, ob dann z.B. statt der verbauten WR plötzlich neue montiert werden müssen, die die AR-N 4105 erfüllen. (Es zählt der Inbetriebnahme-Zeitpunkt, doch der ist mutmaßlich nicht mit der EEG-Inbetriebnahme (=Modulinbetriebnahme) identisch.)
Diskussion hier: pv-news-f25/vde-ar-n-4105-inbetriebnahmedatum-planungs-problem-t70646.html
sonnige Grüße,
-Weidemann-
Weidemann
Moderator
 
- Threadstarter -
 
Beiträge: 8224
Registriert: 09.08.2009, 12:01
Wohnort: Bayern
PV-Anlage [kWp]: 14
Info: Betreiber

Re: FAQ: ab 1.1.2012 neue Schieflast/Leistungsbegr./Blindlei

Beitragvon bskf » 01.11.2011, 23:57

Weidemann hat geschrieben:Wie soll die 70%-Begrenzung funktionieren? Genügt es, im WR-Menü die AC-Leistung zu reduzieren?

Ich sehe keine andere, sinnvolle Möglichkeit. Alternativ durch externe Steuerung, z.b. über Solarlog analog zur Wirkleistungsreduzierund durch den Netzbetreiber. Wir führen z.Zt. eine Reihe von Gesprächen zu den diversen Richtlinienthemen.

Weidemann hat geschrieben:Kann das EVU aus diesem Paragraph einen Anspruch ableiten, dass die Wirkeistungsbegrenzung auch "verplombt" also durch Installateurs-Kennwort geschützt wird o.ä.? Ist ja sonst eine merkwürdige Vorschrift, so ganz auf Vertrauen.

Selbst wenn es keine Kontrolle / erweiterte Schutzmechanismen gibt, sehe ich darin kein Problem. Auch heute müssen ja viele Punkte durch Betreiber/Installateur/Elektriker bestätigt werden, ohne dass alles Einzeln nachkontrolliert wird. Sollte einer der Involvierten falsche Angaben machen ist es ggf. Betrug und/oder grobe Fahrlässigkeit mit den entsprechenden Konsequenzen bei Aufdeckung. Was nicht ausschließt, dass es Durchführungs- / Kontrollvorschriften bei/durch die Netzbetreiber geben wird.

Grüße

bskf
bskf
Fleißiges Mitglied
Fleißiges Mitglied
 
Beiträge: 356
Registriert: 05.12.2010, 20:34
Wohnort: 10xxx
Info: Solarteur

Re: FAQ: ab 1.1.2012 neue Schieflast/Leistungsbegr./Blindlei

Beitragvon Der Ich » 03.11.2011, 21:32

Weidemann hat geschrieben:Leistungsfaktor-Vorgabe: (erfolgt im Gegensatz zur Mittelspannungsrichtlinie nicht ferngesteuert)
Entweder Blindleistung wird laut Kennlinie linear, ab halber Leistung bis zur Nennleistung, eingespeist! Also immer bei Vollast auch noch maximale Blindleistung!
Oder der Netzbetreiber gibt einen festen Leistungsfaktor vor.


Ups, selbst SMA kann ja mal Fehler machen... :wink:

Die VDE-AR-N 4105 fordert, dass der Netzbetreiber die Möglichkeit hat auch eine eigene Kennlinie vorzugeben. Grundsätzlch wird das vorgehen so sein:

Der Wechselrichter wird mit der Standartkennlinie ausgeliefert, das bedeutet cos phi von 0-50% Leistung ist bei 1 und dann bis 100% Leistung gibt es einen lineare Steigerung auf 0,95 bzw. 0,90 cos phi (je nach Anschlussscheinleistung) induktiv (im Verbraucherzählpfeisystem).

Falls das aufgrund gegebener Netzstrukturen das nicht sinnvoll ist, kann der Netzbetreiber auch eine andere Kennlinie fordern. Es ist dabei noch unklar, wieviele Stützpunke diese Kennlinie maximal haben kann. Das ist in der VDE AR N 4105 nicht definiert. Ein fester Verschiebungsfaktor wird dann nicht umbedingt gefordert.

Achja, falls sich jemand jetzt fragt, was das ganze mit dem einstellbaren cos phi überhaupt soll (Angaben gelten fürs Verbraucherzählpfeisystem, d.h. der Wechselrichter verbraucht negative Energie :wink: ):
Eine induktive Einspeiung von Strom bewirkt, dass sich die Spannung vom Netz absenkt.
Eine kapazitive Einspeiung von Strom bewirkt, dass sich die Spannung im Netz erhöht.

Damit gibt es für den Netzbetreiber mehr Möglichkeiten zur passiven Spannungsregulierung und im Endeffekt ist die Warscheinlichkeit geringer, dass der Wechselrichter aufgrund von 10 Minuten Überspannung oder sonstigen Netzfehlern abschaltet.

Mfg
Der Ich
Stammmitglied
Stammmitglied
 
Beiträge: 38
Registriert: 06.10.2011, 20:47
Info: Betreiber

Re: FAQ: ab 1.1.2012 neue Schieflast/Leistungsbegr./Blindlei

Beitragvon Weidemann » 03.11.2011, 22:37

Danke für die Klarstellung! Das habe ich wohl falsch formuliert... bin mal gespannt, ob die EVU überhaupt so genau wissen, welche Kennlinie sie haben wollen :wink:
Außerdem ist die Frage, welche Kennlinie z.B. bei einem Tripower 12000 eingestellt ist, wahrscheinlich die bis 0,95? Dann muss man bei Kombination mehrerer Tripower auch in jedem den letzten Kennlinien-Stützpunkt umstellen (da man über 13,8 kVA kommt), also standardmäßig auf 0,9.

offtopic:
Das mit der Zählrichtung der Blindleistung verstehe ich einfach nicht:
Ein Prof hat z.B. induktive Blindleistung immer als "Blindleistungs-Verbrauch" (Vorzeichen +) und kapazitive als Blindleistungs-Bereitstellung (-) bezeichnet.
Ein anderer machte Blindleistung stets mit positivem Vorzeichen, dafür mit (ind) oder (kap) dahinter, unterscheidet aber nicht zwischen "Verbrauch" und "Bereitstellung", sondern die Blindleistung ist einfach nur "da" (also wohl immer als Bereitstellung betrachtet, Motor liefert induktive Blindleistung ans Netz??).

Beides passt nicht mit der Blindleistungskennlinie der AR 4105 zusammen, dort "fährt" der WR im induktiven Bereich.
Bedeutet das nun, er "verbraucht" induktive Blindleistung? Woher weiß ich, wie herum so ein Diagramm zu lesen ist?
(Ich hätte das Diagramm genau andersrum erwartet, nämlich WR fährt in den kapazitiven Bereich, so wie ein Motor "induktiv fährt". Sonst müsste man ja auch sagen, dass ein Motor kapazitiv fährt, oder?)

Gibts denn da keine verbindlichen Vorgaben, wie Blindleistung gezählt wird? Welche der drei Zählmethoden ist nun die am weitesten verbreiteste?
sonnige Grüße,
-Weidemann-
Weidemann
Moderator
 
- Threadstarter -
 
Beiträge: 8224
Registriert: 09.08.2009, 12:01
Wohnort: Bayern
PV-Anlage [kWp]: 14
Info: Betreiber

Re: FAQ: ab 1.1.2012 neue Schieflast/Leistungsbegr./Blindlei

Beitragvon Retrerni » 04.11.2011, 00:39

Bei der AR gilt doch das Verbraucherpfeilsystem, sprich ein Motor (von dem kommt diese Nomenklatur ja) benötigt Blindleistung. Um das zu kompensieren liefert der WR selbige.

Ciao

Retrerni
Benutzeravatar
Retrerni
PV-Forum Einstein
PV-Forum Einstein
 
Beiträge: 18294
Registriert: 09.11.2007, 23:56

Re: FAQ: ab 1.1.2012 neue Schieflast/Leistungsbegr./Blindlei

Beitragvon Weidemann » 04.11.2011, 07:50

Retrerni hat geschrieben:Bei der AR gilt doch das Verbraucherpfeilsystem, sprich ein Motor (von dem kommt diese Nomenklatur ja) benötigt Blindleistung. Um das zu kompensieren liefert der WR selbige.

Du verwendest also auch die oben genannte, erste Zählweise?
Aber wenn das in der AR so gezählt wird: wieso fährt dann der WR laut Diagramm induktiv (s. obigen SMA-Vortrag)?
sonnige Grüße,
-Weidemann-
Weidemann
Moderator
 
- Threadstarter -
 
Beiträge: 8224
Registriert: 09.08.2009, 12:01
Wohnort: Bayern
PV-Anlage [kWp]: 14
Info: Betreiber

Re: FAQ: ab 1.1.2012 neue Schieflast/Leistungsbegr./Blindlei

Beitragvon Retrerni » 04.11.2011, 21:43

Vielleicht wurden ja nur die Achsen falsch beschriftet? Eine Punktspiegelung eines WR-Diagramms am Achsenschnittpunkt führt doch automatisch wieder zum Diagramm eines Motors ;)

Ciao

Retrerni
Benutzeravatar
Retrerni
PV-Forum Einstein
PV-Forum Einstein
 
Beiträge: 18294
Registriert: 09.11.2007, 23:56

Re: FAQ: ab 1.1.2012 neue Schieflast/Leistungsbegr./Blindlei

Beitragvon olge » 05.11.2011, 12:05

Weidemann hat geschrieben:Danke für die Klarstellung! Das habe ich wohl falsch formuliert... bin mal gespannt, ob die EVU überhaupt so genau wissen, welche Kennlinie sie haben wollen :wink:
Außerdem ist die Frage, welche Kennlinie z.B. bei einem Tripower 12000 eingestellt ist, wahrscheinlich die bis 0,95? Dann muss man bei Kombination mehrerer Tripower auch in jedem den letzten Kennlinien-Stützpunkt umstellen (da man über 13,8 kVA kommt), also standardmäßig auf 0,9.

offtopic:
Das mit der Zählrichtung der Blindleistung verstehe ich einfach nicht:
Ein Prof hat z.B. induktive Blindleistung immer als "Blindleistungs-Verbrauch" (Vorzeichen +) und kapazitive als Blindleistungs-Bereitstellung (-) bezeichnet.
Ein anderer machte Blindleistung stets mit positivem Vorzeichen, dafür mit (ind) oder (kap) dahinter, unterscheidet aber nicht zwischen "Verbrauch" und "Bereitstellung", sondern die Blindleistung ist einfach nur "da" (also wohl immer als Bereitstellung betrachtet, Motor liefert induktive Blindleistung ans Netz??).

Beides passt nicht mit der Blindleistungskennlinie der AR 4105 zusammen, dort "fährt" der WR im induktiven Bereich.
Bedeutet das nun, er "verbraucht" induktive Blindleistung? Woher weiß ich, wie herum so ein Diagramm zu lesen ist?
(Ich hätte das Diagramm genau andersrum erwartet, nämlich WR fährt in den kapazitiven Bereich, so wie ein Motor "induktiv fährt". Sonst müsste man ja auch sagen, dass ein Motor kapazitiv fährt, oder?)

Gibts denn da keine verbindlichen Vorgaben, wie Blindleistung gezählt wird? Welche der drei Zählmethoden ist nun die am weitesten verbreiteste?


Ja, Profs sind halt auch nur Menschen :-)
Allgemeiner zu den verschiedenen Schreibweisen:

- Wenn Du nur den Leistungsfluß angibst (z.B. "P=10kW, Q=-5kVAr) ist die
Meßrichtung nicht definiert. (Ein Einspeisezähler läuft bei Erzeugung
vorwärts, ein Verbrauchszähler ohne Rücklaufsperre rückwärts - hängt
eben davon ab, wie herum die Messung vorgenommen wird). Deswegen muß
noch das Zählpfeilsystem explizit angegeben werden.

- Die Angaben "induktiv" und "kapazitiv" sind nicht stromrichtungsabhängig (weil
sie sich aus der zeitlichen Verschiebung von Strom und Spannung ableiten).
Deswegen muß kein Zählpfeilsystem angegeben werden. Eine kapazitive Last speist
Blindleistung ein, genau wie ein Generator mit kapazitiver Charakteristik
(z.B. eine übererregte Synchronmaschine). Den Leistungsfluß kann man dann
aber wieder nur angeben, wenn das Zählpfeilsystem definiert ist. Induktive
Last im Verbrauchersystem: Q positiv, im Generatorsystem: Q negativ.

- "Bereitstellung" und "Verbrauch" sind ebenfalls von der Zählrichtung abhängig.
Es kann genausogut das Netz einem Verbraucher Blindleistung "bereitstellen"
(Q positiv im Verbrauchersystem) wie ein Verbraucher (ein kapazitiver) dem
Netz (Q negativ im Verbrauchersystem). Dito für Erzeuger.

- "Übererregt" ist ein Synonym für kapazitives Verhalten, "Untererregt" für
induktives - auch wenn es für mich etwas verstaubt klingt, Terminologie
von Synchronmaschinen auf Leistungselektronik anzuwenden (macht im englischen
Sprachraum auch niemand).

Was die Kennlinie (ich nehme an Du meinst die Standard-cosphi-kennlinie) in der
AR angeht: Die Idee ist, daß bei kleinen Einspeiseleistungen (<.5Pn) der
Verbrauch im Netz dominiert. Der WR speist daher Blindleistung ein um die
Netzspannung zu stützen. Bei großer Einspeisung (Problem Sommertag: Viel
Einspeisung, wenig Verbrauch) kehrt sich u.U. die Stromrichtung im Netz um,
d.h. die Spannung am Einspeisepunkt ist höher als an der Ortsnetzsammelschiene.
Hier soll der WR dann Blindleistung verbrauchen, um die von ihm selbst
verursachte Spannungserhöhung auszugleichen.

Trägt das zur Klarheit bei?
olge
Neu hier
Neu hier
 
Beiträge: 1
Registriert: 05.11.2011, 12:00
PV-Anlage [kWp]: 5
Info: Betreiber

Re: FAQ: ab 1.1.2012 neue Schieflast/Leistungsbegr./Blindlei

Beitragvon Weidemann » 05.11.2011, 16:19

Danke für diese ausführliche Erklärung :danke:

Also nochmal zusammenfassend:
Alle o.g. Bezeichnungsweisen sind "richtig".
Im Verbraucherzählpfeil-System (das wohl meist angewandt wird, außerhalb von Großkraftwerken?) ist "kapazitives Verhalten" gleichbedeutend mit "Blindleistungs-Bereitstellung", und "induktives Verhalten" ist gleichbedeutend mit "Blindleistungs-Verbrauch".
Also ist man mit kapazitiv/induktiv auf der sicheren Seite, weil dies eindeutige Bezeichnungen sind.


Aber wie passt das mit folgendem Diagramm zusammen? (Quelle: http://www.sma.de/de/produkte/solar-wec ... b868b1dfdb )
Unbenannt.JPG

Das bedeutet ja: Der WR hat induktives Verhalten. Das ist doch (unabhängig von der Zählpfeilrichtung) falsch? Denn soweit ich das verstehe, müsste der WR sich kapazitiv verhalten, da eine stark ausgelastete Leitung (also bei hoher Einspeiseleistung) induktives Verhalten zeigt, bzw. auch weil die umliegenden (Industrie-)Verbraucher sich induktiv verhalten?
Und soweit ich das verstanden habe, führt induktive Blindlast an Leitungen zu Spannungserhöhung, was die Einspeisung weiter behindert?
sonnige Grüße,
-Weidemann-
Weidemann
Moderator
 
- Threadstarter -
 
Beiträge: 8224
Registriert: 09.08.2009, 12:01
Wohnort: Bayern
PV-Anlage [kWp]: 14
Info: Betreiber

Nächste

Zurück zu Wechselrichter



Ähnliche Beiträge


Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste