Wechsel auf Kleinunternehmer wg. 2. Gewerbe?

  • Hallo allerseits, und besonders an die Steuerexperten.


    Ich habe da ein kleines Problem, von dem ich bis vor wenigen Stunden gar nicht wusste, dass es eins ist. Und die Finanzbeamtin, mit der ich telefoniert habe, konnte mir auch nur teilweise Auskunft geben und musste und muss noch einmal Informationen an anderen Stellen einholen. Ob diese Informationen dann korrekt sind? Deshalb möchte ich euch fragen.


    Zum Hintergrund (bzw. was mir die Finanzbeamtin sagte):
    Ich habe einige kostenlose selbstgeschriebene Strickanleitungen in meinem Blog. Nachdem ich da jetzt schon über 180000 Downloads habe, möchte ich die nächsten neuen Strickanleitungen verkaufen (eine sehr praktische Internetplattform gibt es dafür). Strickanleitungen schreiben ist eine künstlerische Tätigkeit, bei der keine Umsatzsteuer fällig ist. Es sei denn, man hat bereits ein Gewerbe, dann muss man auch dafür Umsatzsteuer abführen.
    Unsere PV Anlage läuft jetzt fast 5 1/2 Jahre.Deshalb ist nach mehr als 5 Jahren laut Aussage der Finanzbeamtin ein Wechsel auf Kleinunternehmer möglich.
    So ganz klar ist mir noch nicht, was dann für mich besser oder schlechter wird. Die Finanzbeamtin sagte, der Energieversorger würde mir wenn ich Kleinunternehmerin bin meine Raten ohne Umsatzsteuer überweisen (das wären dann ca. 4800 Euro netto/Jahr). Stimmt das überhaupt?


    Der Bereich der Einkommenssteuer und Einkommenssteuererklärung ist mir klar. Da wird sowieso erst mal nicht viel anfallen, denn bei mir geht es derzeit in Richtung gesetzliche BU Rente, die BG drückt sich bezüglich Rente nach Arbeitsunfall.


    Kann man die Abschreibung der PV Anlage als Kleinunternehmer weiterführen?


    Es ist relativ wahrscheinlich dass die Sache mit den Strickanleiitungen plus Erträge PV langfristig über 17500 Euro geht, das dauert aber seine Zeit. Würde man dann wieder "automatisch normaler Unternehmer"?


    Die Finanzbeamtin sagte, dass ich Material für die Strickanleitungen (Wolle) im Rahmen einer Gewinnermittlung als Kleinunternehmer absetzen kann. Ist das richtig? Dann müsste ich ja auch eventuelle Reparaturen an der PV (die hoffentlich nicht kommen) absetzen können.


    Vielen Dank im Voraus, dass ihr Euch Zeit für mein Problem nehmt.


    Viele Grüße


    Brigitte

  • Au wei. Diese Halb- und Fastwahrheiten kommen raus, wenn ein Finanzer berät.


    Zuerst einmal fällt mir im Sachverhalt auf:
    "Unsere PV".... das könnte ein dezenter Hinweis auf eine Ehegatten-GbR sein;
    bzw. wenn das belanglos dahergeschrieben ist, bleibt ja die Möglichkeit, dass die vom Ehemann betrieben wird


    Im Abgleich dazu die Strickanleitungen: "Ich möchte.....". Das spricht doch mal eindeutig dafür, dass Du da die Unternehmerin bist.


    Wenn zwischen PV und Strickanleitungen keine Unternehmeridentität besteht..... mach das Buch zu. Zwei verschiedene Unternehmer die völlig unabhängig voneinander ihre Wahlrechte ausüben können. Das eine beeinflusst das andere nicht.
    Dann ist 95% was nun folgt völlig irrelevant.


    Nur wenn die Unternehmer von PV und Strickanleitungen identisch sind.... dann muss man das synchronisieren - ohne das Kohle auf der Strecke bleibt.


    1. Umsatzsteuer
    Vorweg.....bei der Hingabe von Strickanleitungen gegen Entgelt handelt es sich um eine unternehmerische Tätigkeit; es liegen steuerbare Umsätze vor.
    ob es im ellenlangen Katalog des §4 UStG eine Steuerbefreiung gibt...entzieht sich meiner Kenntnis. Ich glaube nicht. Es sei denn es wäre eine künstlerische Darbietung.
    Aber selbst wenn es eine Befreiungsvorschrift gibt oder geben würde, dann beeinflusst das nicht die Bewertung anderer Umsätze; bzw. die Bewertung anderer Umsätze hat hierauf keinen Einfluss.



    Der Unternehmer (nicht: das Unternehmen) ist bei unterschreiten der Umsatzgröße von 17.500 Euro p.a. ein Kleinunternehmer.
    Er braucht keine Steuer abzuführen und darf keine erheben. (Erhebt er welche, muss er die auch abführen. papier mit Steuer schwärzen kostet Geld)
    Er ist nicht zum Vorsteuerabzug berechtigt.


    Auf das Kleinunternehmerprivileg kann man verzichten.
    Das empfiehlt sich immer dann, wenn die Umsätze am Markt "netto" definiert sind (wie bei PV)
    und nicht nur vernachlässigbare Vorsteuerbeträge anfallen (wie bei PV).
    An die Ausübung der Option ist man 5 Jahre gebunden.
    Die Option kann auch rückwirkend ausgesprochen werden - solange noch keine Bestandskraft oder Festsetzungsverjährung eingetreten ist. (Also etliche Jahre).


    Auf die KUR zu verzichten war die richtige Entscheidung.


    Bei den Strickanleitungen ist es genau umgekehrt. Es fällt praktisch gar keine Vorsteuer an die man verlieren würde;
    und die Marktpreise sind "brutto" definiert. Ob Du USt abführen musst oder nicht... beeinflusst nicht den Betrag den der Kunde Dir zahlt.
    Anders betrachtet: Bei Verzicht auf die KUR verrecken Dir 19/119 Deiner Einnahmen.
    Hier macht die KUR gar keinen Sinn.


    Das sieht nach Konflikt aus.
    Glücklicherweise ist die Bindefrist von 5 Jahren abgelaufen.
    Würdest Du nun zur KUR wechseln, würdest Du keine Steuer abführen müssen; aber auch keine bekommen. Das hebt sich auf.
    Und Vorsteuer an Lieferanten... die wegen der KUR nicht abzugsfähig wäre... fällt nicht an.


    Prima. Auf den ersten Blick ist das Problem tatsächlich gelöst, indem Du die KUR zur Anwendung kommen lässt.


    ABER: Das wird in dem Moment kritisch, wo bei der PV wieder Vorsteuern anfallen - die dann plötzlich nicht abzugsfähig sind.
    Z.B. ein neuer Satz Wechselrichter.
    Das ist dann insofern kein Problem, als Du rückwirkend zum Jahresanfang wieder auf die KUR verzichten kannst.
    Allerdings....
    a) Gegenüber dem VNB muss für die Zwischenzeit berichtigt abgerechnet werden
    b) dann fallen 19/119 aus den Strickanleitungen dem Fiskus in die Hände.
    ==> Ein Rechenexempel.


    Um das zu umgehen, bricht man üblicherweise die Unternehmeridentität auf.
    Du könntest z,.B. die Strickanleitungen über eine GbR mit Deinem Mann anbieten.



    2. Einkommensteuer
    Überhaupt keine unmittelbare Relevanz
    Lediglich werden gezahlte Umatzsteuer die nicht als Vorsteuer abzugsfähig ist zur (dauerhaften, endgültigen) einkommensteuerlichen Betriebsausgabe.
    Ansonsten haben die beiden Steuerarten keine Anknüpfungspunkte.

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  • kpr war schneller. Trotzdem noch ein paar Kleinigkeiten


    Du musst aber bitte die Kleinunternehmerregelung (KUR) alleine dem Bereich Umsatzsteuer zuordnen.


    "Absetzen" gehört in den Bereich der Einkommensteuer und dort zur Einnahmeüberschussrechnung.


    ....


    Die Frage, die Du Dir stellen musst, ist folgende:
    Welche Aufwendungen habe ich für meine Unternehmungen (defekter WR, aber auch Wolle, Serverkapazität, Internetzugang, PC) aus denen Vorsteuer geltend gemacht werden könnte? (es ist ja eben beim Internetvertrieb nicht nur die eigene Kreativität gefragt)


    Und wenn dann ohnehin irgendwann absehbar ist, dass in Summe aus PV und Strickanleitung die Grenze für die KUR überschritten wird, dann würde ich auch jetzt schon nicht auf die Vorsteuer verzichten oder eben - wie kpr gerade geschrieben hat - PV und Stricken auf 2 Unternehmeridentitäten verteilen.


    Wie gesagt - das ist hier ausschließlich von der Seite der Umsatzsteuer betrachtet.
    Auf die Einkommensteuer hat die Frage der KUR keine Auswirkung.

    24 x Sharp NU235 mit SMA SB5000-TL20 * Ausrichtung ~ 75 Grad * - PVGiS4-10% = 842 kWh/kWp
    www.sonnenertrag.eu

  • @kpr:danke erst mal.


    Ich bezeichne die PV Anlage als unsere Anlage, steuerlich ist es aber meine Anlage. Ändern wäre nachteilig, da mein Mann arbeitslos bzw. arbeitsstuchend ohne Einkünfte und bezüglich Krankenkasse bei mir familienversichert ist. Würde die PV Anlage steuerlich über ihn laufen, dann müsste er Krankenversicherung zahlen und es bliebe gar nichts übrig. Also muss die PV Anlage steuerlich bei mir bleiben, 2 Unternehmerindentitäten sind nicht möglich.


    Mit den Strickanleitungen bin ich Strick-Designerin, eine Hochschulausbildung "in die Richtung" habe ich auch. Das müsste also als künsterlisch bzw. freiberuflich durchgehen.


    michael091963: vielen Dank. Da bin ich wohl doch Steuererklärungsdummi, die Abschreibung ist also Teil der Einkomenssteuereerklärung? Dann gibt es die Schwierigkeit also schon mal nicht.


    Ich überlege, ob ich jetzt den Rest des Jahres erst mal alles so weiterlaufen lasse wie bisher und mir dann in Ruhe überlege, was ich mache. Die Strickanleitungen werden vermutlich langsam anlaufen. Aber noch ist eh keine Kaufanleitung im Netz und ich kann noch ein paar TAge über dem Problem grübeln.


    VG Brigitte

  • o.k. - sagen wir so: die einfachen Tricks ziehen nicht.
    Und dennoch... die Strickanleitungen in einer GbR mit ihm platzieren; ihm eine 5%-Beteiligung einräumen; Dir einen Gewinn-Vorweg für die Geschäftsführung ansetzen, dass zur Restverteilung nix übrig bleibt.... und der Drops ist umsatzsteuerlich gelutscht ohne dass ertragsteuerlich irgendwas passiert. Wo ein Wille ist - findet sich auch ein Gebüsch.


    Freiberufliche Tätigkeit... ein einkommensteuerliche Begriff.... der sich nachhaltig nur in der Gewerbesteuer auswirkt - die aber bei den zur Rede stehenden Umsätzen eh nicht zur Debatte steht.




    Von daher... sofern nicht irgendwer im Katalog des §4 UStG noch eine Ausnahme findet die ich seit über 2 Jahrzehnten übersehen habe, ist "alles rund ums stricken" auch steuerbar und steuerpflichtig. Da beisst die Maus keinen Faden ab.
    (Die "künstlerische Tätigkeit".... das ist in der USt eine Unterfallart bei der Ortsbestimmung der sonstigen Leistung. Da wird sich in Deinem Fall aber auch nichts spektakuläres draus ergeben, was zu einer Steuerfreiheit.... oder um ganz sicher zu gehen: Zu einer völligen Entlastung von der Umsatzsteuer führt.
    Entweder über die KUR ... oder über eine Steuerbefreiungsvorschrift.



    Das einkommensteuerlich nichts anbrennt... das ist dann wohl korrekt angekommen.


    Auch umsatzsteuerlich kannst Du Dir Zeit lassen. Die Entscheidung über die Anwendung der KUR (oder von der KUR wieder zur Regelbesteuerung hin) ist bis zur Unanfechtbarkeit der Steuerfestsetzung möglich. Da reden wir in der Praxis von einigen Jahren.

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  • Das spielt aber nur für die Steuerfindung der Leistungsbeziehung zwischen Plattformbetreiber und der TO eine Rolle;
    nicht für die Lieferung der Strickanleitungen der TO an ihre Leistungsempfänger.

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  • Nicht unbedingt.


    Im Fall Amazon liefert der Autor ohne Ausweis der deutschen MwSt an Amazon und Amazon bezahlt die Vorsteuer in Liechtenstein.

  • screeny: Die Plattform heißt http://www.ravelry.com. Das ist eine Art soziales Netzwerk rund ums Handarbeiten. Man kann wenn man dort einen Shop macht anklicken, dass man von der Steuer der USA befreit wird.
    Hm, könnte ich dann nicht auch die Umsatzsteuer in den USA bezahlen und habe hier Ruhe? :mrgreen: Wohl eher nicht ...


    Ich möchte nur eben von Anfang an alles steuerlich ordentlich machen, denn die Kleinen kriegen sie ja immer, wenn irgend etwas nicht stimmt.


    VG Brigitte

  • off-topic / betrifft nur das zweite Standbein "Strickanleitungen"


    Wenn das FA Dir anbietet, Deine Leistung als "künstlerische" Leistung zu behandeln - dann lass Dir das schriftlich geben und nehme dankbar an. Fahr hin... und küss Ihnen die Füße. Und wenn Du nicht verheiratet bist... dann auch 1 m weiter oben.


    Die dann greifende Spezialvorschrift verlegt Dir den Leistungsort immer wieder nach Deutschland.
    Und aus die Maus. Das ist steuerbar und steuerpflichtig. Und somit einfach.
    (und über die Anwendung der KUR wird die Steuerpflicht wieder aufgehoben; mit ggf. nachteiligen Konsequenzen für die PV).


    Kommst Du hier in den Dunstkreis der "auf elektronischem Weg erbrachten sonstigen Leistungen", dann kommst Du um die Erforschung mulitnationalen Rechts in einer Vielzahl von Einzelfällen nicht herum.
    "Höchststrafe" für den Unternehmer. "Jackpot" für den Berater.


    Nach meiner unmaßgeblichen Meinung liegt jedoch ein Fall der auf elektronisch erbrachten sonstigen Leistungen vor.
    (vgl. UStAE 2010 3a.12 III.
    Insbesondere auch, weil der die künstlerischen Leistungen erläuternde UStAE 2010 3a.6 IV die reine Übertragung von Nutzungsrechten wieder so regelt, dass das gleiche herauskommt, wie bei auf elektronischem Weg erbrachten sonstigen Leistungen.


    Deswegen: Nimm das Geschenk an, wenn die zur der Auffassung einer künstlerischen Leistung kommen.

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