Blindleistung (mal wieder)

  • Hallo,


    ich weiß, es gibt schon viele Beiträge zu dem Thema allgemein, aber ich konnte jetzt nichts zu meinen konkreten Fragen finden.


    Ich habe zwei SMA-Wechselrichter, zu unterschiedlichen Zeitpunkten von unterschiedlichen Elektrikern angeschlossen.

    Beide haben das Q(U)-Verfahren eingestellt. Allerdings mit ganz verschiedenen Parametern, ich vermute da verschiedene Länderdatensätze eingestellt sind:

    - [DE] VDE-AR-N4105:2018 Erzeuger >4,6 kVA

    - [DE] VDE-AR-N4105-HP


    Frage 1:

    Sollten beide Wechselrichter die selbe Einstellung nutzen, damit sie sich über die Bereitstellung von Blindleistung einig sind?


    Frage 2:

    Aktuell erfolgt keine Einspeisung, aber es sieht trotzdem so aus als würde Blindleistung bereitgestellt? Interpretiere ich das richtig? Läuft da was falsch oder muss das so?


    Ich hätte ja eigentlich erwartet, dass erst ab 50% Auslastung des Wechselrichters und >103% der Nennspannung eine Blindleistung bereitgestellt wird.

  • Frage 1:

    Sollten beide Wechselrichter die selbe Einstellung nutzen, damit sie sich über die Bereitstellung von Blindleistung einig sind?

    Der Netzbetreiber gibt in der Regel vor, mit welcher Blindleistung eingespeist werden darf und diese Werte sollte eigentlich von beiden WR eingehalten werden.

    Frage 2:

    Aktuell erfolgt keine Einspeisung, aber es sieht trotzdem so aus als würde Blindleistung bereitgestellt? Interpretiere ich das richtig? Läuft da was falsch oder muss das so?

    Wenn diese Zahlen vom Smartmeter gemessen werden, dann ist das ist die Blindleistung, welche deine Verbraucher gerade generieren.

  • Ok, also falsch verstanden von mir.

    Wie sehe ich denn, was der SMA-Wechselrichter gerade konkret an Blindleistung einspeist?


    Der Netzbetreiber (Bayernwerk) erlaubt meines Wissens Q(U). Im Schreiben zum Netzanschlusspunkt steht "cos phi = 1, wenn der Netzbetreiber die Wahl hat". Laut meinem Elektriker ist der Wert ais dem Schreiben aber nicht relevant und er macht eigentlich immer fix 0,95 - was ich aber wiederum nicht so sinnvoll finde, wenn nicht vorgeschrieben.


    Der alte Wechselrichter hält sich halt an den alten Länderdatensatz und der neue an den neuen. Zulässig sollten beide sein, ansonsten hätte ja der alte nach meinem Verständnis noch Bestandsschutz.

    Aber ich frage mich eben ob es nicht sinnvoll wäre, dass beide den gleichen, neuen Länderdatensatz nutzen. Laut meinem Elektriker egal - aber ich weiß nicht, ich bin jemand der die Dinge lieber 100% korrekt und bestmöglich macht statt "ist egal, passt schon".

  • er macht eigentlich immer fix 0,95 - was ich aber wiederum nicht so sinnvoll finde, wenn nicht vorgeschrieben.

    die Stromnetze sind für 0,95 dimensioniert und ausgelegt worden, deshalb macht es auch Sinn gleich bei 0,95 fix zu bleiben. Das verhindert schon bei geringerer Einspeisung das Ansteigen der Netzspannung.

    Komplizierte Vorgänge immer dem faulsten Mitarbeiter geben. Er wird die einfachste Lösung finden!

  • Wie sehe ich denn, was der SMA-Wechselrichter gerade konkret an Blindleistung einspeist?

    Welche Informationen der SMA Wechselrichter selbst anbietet, kann ich nicht sagen, da ich keinen im Einsatz habe. Wenn nur die Informationen vom Smartmeter zur Verfügung stehen, dann kannst du alle Vertraucher abtrennen (LS oder FI öffnen) und dann sollte das Smartmeter anzeigen, was der Wechselrichter erzeugt.


    Ich glaube nicht, dass die VDE-AR-N4105 konkrete Vorgaben an den Leistungsfaktor macht, denn der hängt sehr stark von den lokalen Gegebenheiten ab (die sich auch ändern können). Wenn du es also absolut richtig machen willst, dann beim VNB nachfragen, welcher Leistungsfaktor für deinen Einspeisepunkt gefordert wird und diesen dann einstellen lassen.

  • Beide haben das Q(U)-Verfahren eingestellt. Allerdings mit ganz verschiedenen Parametern, ich vermute da verschiedene Länderdatensätze eingestellt sind:

    - [DE] VDE-AR-N4105:2018 Erzeuger >4,6 kVA

    - [DE] VDE-AR-N4105-HP

    AR-N4105 ist AR-N4105, da gibt es nur ein Q(U) Verfahren. Das besagt: Blindleistung wird linear untererregt erhöht bei steigender Spannung von 3% bis 7%, bei 7% ist Qmax erreicht. Qmax entspricht einem cos(phi) von 0,9. Umgekehrt ist Blindleistung linear übererregt bereitszustellen in gleichem Maße bei absinkender Netzspannung.

    Der alte Wechselrichter hält sich halt an den alten Länderdatensatz und der neue an den neuen. Zulässig sollten beide sein, ansonsten hätte ja der alte nach meinem Verständnis noch Bestandsschutz.

    In der alten AR-N4105 von 2011 gabs die Q(U) Kennlinie noch nicht.

    ich bin jemand der die Dinge lieber 100% korrekt und bestmöglich macht statt "ist egal, passt schon".

    Ab AR-N4105 2018-11: Q(U), cosphi(P) oder fester Verschiebungsfaktor. Was einzustellen ist, muss der VNB vorgeben. Ohne Vorgabe: cosphi=1.

    Vor 2018-11: cosphi = 0,95 für Anlagen 3,68kVA < Smax < 13,8kVA

    die Stromnetze sind für 0,95 dimensioniert und ausgelegt worden, deshalb macht es auch Sinn gleich bei 0,95 fix zu bleiben. Das verhindert schon bei geringerer Einspeisung das Ansteigen der Netzspannung.

    Wenn der NB Q(U) vorgibt, ist auch Q(U) einzustellen! Ansonsten ist der cosphi einzustellen, den der NB vorgibt!


    Frage 2:

    Aktuell erfolgt keine Einspeisung, aber es sieht trotzdem so aus als würde Blindleistung bereitgestellt? Interpretiere ich das richtig? Läuft da was falsch oder muss das so?

    der cosphi ist erst aussagekräftig, wenn eine nennenswerte Wirkleistung vom WR eingespeist wird. Bei kleiner Leistung ist der WR stark kapazitiv wg. der Eingangsfilterbeschaltung. Die wird erst mit steigender Leistung kompensiert. Bei meinem 30kVA-WR nähert sich der cosphi erst bei ca. 1kW Einspeiseleistung der 1 an. Geht die Wirkleistung gegen 0, wandert auch der cosphi gegen 0. Dann liegt die Blindleistung (Grundschwingung) bei ca. 700var.

    so sieht ein typischer Startvorgang bei mir aus, es braucht ein bisschen Wirkleistung, damit der WR den netzseitigen Stromzeiger sauber auf cosphi = 1 regeln kann.

  • Danke dir für die sehr ausführliche Antwort!


    Nicht ganz verstanden habe ich:

    "AR-N4105 ist AR-N4105, da gibt es nur ein Q(U) Verfahren"

    "In der alten AR-N4105 von 2011 gabs die Q(U) Kennlinie noch nicht."

    Der erste Satz klingt als wären beide Datensätze identisch, der zweite dann doch nicht. Kannst du nochmal erklären wie du das meintest?


    Was ich meinte mit "ganz verschiedenen Parametern" ist, dass es im alten WR so aussieht:


    Und im neuen so:


    Daher dachte ich, Q(U) wäre unterschiedlich parametrisiert. Ist der Unterschied nur, dass man ab 2018 die Kennlinie verändern könnte?



    Bayernwerk schreibt in der Mitteilung zum Netzanschlusspunkt:

    "Tabelle A.2 aus der VDE-AR-N 4105

    Sofern für den Netzbetreiber eine Wahlmöglichkeit besteht,

    ist ein fester cos φ gleich 1 einzustellen."

  • Daher dachte ich, Q(U) wäre unterschiedlich parametrisiert. Ist der Unterschied nur, dass man ab 2018 die Kennlinie verändern könnte?

    Der Begriff Q(U) war vor 2018 in der Norm gar nicht definiert. Wie alt ist denn der WR überhaupt?


    Der erste Satz klingt als wären beide Datensätze identisch, der zweite dann doch nicht. Kannst du nochmal erklären wie du das meintest?

    Wenn Q(U) gefordert / einstellbar ist, dann bezieht sich das immer auf AR-N4105 2018-11, da gibt es keine Variation.



    Was ich meinte mit "ganz verschiedenen Parametern" ist, dass es im alten WR so aussieht:

    Ich kenne deine WR leider nicht, daher kann ich nicht sagen, was da wie einstellbar ist. Bei meinem Kostal ist die Einstellung etwa "eindeutiger".

    Entweder findest du Infos dazu in der Betriebsanleitung, oder man muss als Installateur dazu eine Schulung beim Hersteller besucht haben. Selbsterklärend scheint mir das auf den ersten Blick nicht zu sein.


    "Tabelle A.2 aus der VDE-AR-N 4105

    Sofern für den Netzbetreiber eine Wahlmöglichkeit besteht,

    ist ein fester cos φ gleich 1 einzustellen."

    Steht da wirklich "Netzbetreiber" oder doch "Anlagenbetreiber"?

    In letzterem Fall wäre die Sache eindeutig, und es müsste cosphi = 1 eingestellt werden.

  • Der Begriff Q(U) war vor 2018 in der Norm gar nicht definiert. Wie alt ist denn der WR überhaupt?

    Der "alte" WR ist aus 2020 und hat die Einstellung:

    Betriebsart der statischen Spannungshaltung, Konfiguration der statischen Spannungshaltung: Q(U)-Kennlinie


    Länderdatensatz ist wie oben genannt:

    [DE] VDE-AR-N4105-HP


    Aber vielleicht führt mich hier das fehlende "2018" in die Irre. Vielleicht erfüllt der Datensatz auch schon die neue Norm und heißt nur bei SMA anders. Dieser Länderdatensatz war anscheinend für ältere Firmware-Versionen (die ich längst nicht mehr habe) zu verwenden.

    Auf jeden Fall ist wohl die Verwendung der Variante "-HP" falsch, da für Anlagen >13,8 kVA gedacht, die Anlage hat nur 10 kVA.

    Blöd nur, dass ich den Länderdatensatz nicht ändern kann ohne Grid Guard Code.


    Steht da wirklich "Netzbetreiber" oder doch "Anlagenbetreiber"?

    In letzterem Fall wäre die Sache eindeutig, und es müsste cosphi = 1 eingestellt werden.

    Ja da steht Netzbetreiber, Copy-Paste hat keinen Fehler gemacht ;)

    Anlagenbetreiber fände ich auch klarer. Weil das Schreiben kommt ja vom Netzbetreiber.