Leserfrage: Wie erfolgen Netzverträglichkeitsprüfungen?

  • Die Redaktion des Magazins (redaktion@photovoltaikforum.com) des Photovoltaikforums erreichen immer wieder Fragen von Lesern. Ausgewählte Zuschriften werden mitsamt der Antwort auf die Fragen nun veröffentlicht, wenn das Thema für weitere Leser von Interesse sein dürfte. Da es sich mitunter um Gerichtsprozesse und andere Streite dreht, werden Namen gegebenenfalls anonymisiert. Eröffnet wird die neue Rubrik heute mit einer Anfrage zu Netzverträglichkeitsprüfungen, die gewöhnlich erfolgen, nachdem ein Antrag auf Netzanschluss für eine Photovoltaikanlage gestellt wurde.


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  • Hallo!


    Die Antwort der Redaktion auf die Leserfrage scheint mir zwei "logische Haken" aufzuweisen:


    1) Bei der Netzverträglichkeitsprüfung (NVP) besteht vor Gericht eine so genannte gesetzliche "Beweislast-Umkehr" zulasten des EVU, d.h., nicht der Kunde muss beweisen, dass seine PV-Anlage gefahrlos für das EVU-Netz angeschlossen hätte werden können, sondern das EVU ist umgekehrt dafür voll beweispflichtig, dass der Anschluss eben nicht möglich war.
    Wenn nun tatsächlich keinerlei Vorgaben für die Durchführung der NVP bestehen, dann kann zwar der Kunde nichts beweisen - allerdings kann auch das beweispflichtige EVU das Gegenteil genauso wenig beweisen.
    Wenn von vornherein gar nichts bewiesen werden kann, dann hätte das Fehlen von gesetzlichen Vorgaben für die Durchführung der NVP also zwangsläufig zur Folge, dass die vom Gesetzgeber verfügte prozessuale "Beweislast-Umkehr" ein völliger Unsinn wäre. Ich traue dem Gesetzgeber zwar ziemlich viel an Unüberlegtheiten zu, doch dies würde mir in diesem Fall der NVP doch irgendwie zu weit gehen...! :?


    2) Maßgeblich für die Frage einer notwendigerweise tatsächlich(!) drohenden Netz-Überlastung ist genauso denknotwendig ebenfalls die tatsächliche(!) Stromkreisbelastung und für diese wiederum die tatsächlich(!) maximale Höhe der möglichen Netz-Einspeisung und nicht die theoretische "Höchstleistungs"-Angabe auf den Modulen bei labortechnisch idealen Bedingungen (= soweit bekannt: Bestrahlung des exakt waagrecht liegenden Moduls mit einer bestimmten Lichtstärke genau senkrecht aus genau 1 Meter Höhe...) durch deren Hersteller.
    Maßgeblich ist also m.E. die durch diese konkreten(!) Module an ihrem konkreten(!) Standort (dabei z.B. ganz maßgeblich: die nördliche geografische Breite des Anlagen-Standorts als Zwangs-Abweichung von der optimalen senkrechten Einstrahlung bei geringster Athmosphären-Dicke, die nur am Äquator möglich ist!) und mit ihrer konkreten(!) Ausrichtung (so genannte "Anlagen-Geometrie" wie z.B. der Winkel der Dachschräge oder die Abweichung von der optimalen Südausrichtung usw.) und auch infolge örtlicher Gegebenheiten (z.B. zeitweise Dauer-Verschattung durch Bebauung. Bäume usw) tatsächlich(!) maximal erzielbare Einspeise-Leistung, die ganz erheblich niedriger liegt als wenn man einfach rechentheoretisch nur die Anzahl der installierten und am Stromkreis angeschlossenen Module bzw. deren einzelne Nennleistungen zusammenaddiert.


    Schlussfolgerung: Wenn bei der Durchführung der NVP trotzdem die Nenn-Leistungen der Module zugrunde gelegt werden, dann führt dies m.E. also quasi schon "automatisch" und zwangsläufig zu einem vollkommen falschen Endergebnis.


    Freundliche Grüße
    Wetterhahn

  • Was sollte man dann zur NVP nehmen ?

    Zu wissen, was man weiß, und zu wissen, was man tut, das ist Wissen.
    Wer mehr zum DC Speicher wissen will erreicht mich per PN !

  • Zitat von letsdoit

    Was sollte man dann zur NVP nehmen ?


    Bei einer gerichtlichen Auseinandersetzung werden zweifelsohne Gutachter dazugezogen werden müssen, kein Richter kann ohne unabhängigen fachlichen Rat entscheiden ob eine Ablehnung berechtigt ist oder nicht.


    Ein Gutachter wird sich ein unabhängiges Bild von der tatsächlichen Lage machen und die vom VNB angeführten Gründe einer Ablehnung auf Plausibilität prüfen. Dabei wird er die sog. anerkannten Regeln der Technik und sämtliche infragekommenden Gesetze und sonstigen Vorschriften in seine Beurteilung mit einbeziehen (die wurden ja auch alle schon im Artikel benannt).


    Erscheinen die vorgebrachten Ablehnungsgründe des VNB nicht plausibel wird das schlußendlich so in seinem Gutachten stehen (selbstverständlich ausführlich erläutert und natürlich mit allen Quellennachweisen :wink: ) und wenn das Gericht dem Gutachten folgt wird es i.d.R. für den Antragsteller entscheiden.


    Hier wird also quasi im Nachhinein die genaue und nachvollziehbare Netzverträglichkeitsprüfung (durch den Gutachter) vorgenommen, für schluderig vorgenommene Prüfungen oder vorschnelle und schlecht begründete Ablehnungen muss der VNB dann eben "Lehrgeld" zahlen :wink:


    Aber natürlich geht es auch andersherum. Kommt der (oder die) Gutachter zum Schluß, daß die Ablehnung berechtigt war und die vorgebrachten Ablehnungsgründe des VNB trafen zu hat der Antragsteller das Nachsehen.


    Spannend wir`s wenn mehrere Gutachter beauftragt werden und zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen 8)


    Dann muss man als Richter abwägen und dann entscheiden oder gleich würfeln :mrgreen:

    mit freundlichem Gruß
    smoker59

  • In meinem ggw. Projekt wurde unser Antrag von 70 kVA auf 30 kVA reduziert. Der Stromversorger nannte die Option
    einer Verstärkung der Zuleitung auf unsere Kosten. Wir verzichteten aber darauf und werden unser Vorhaben auf die beschränkten 30 kVA auslegen. Wir können also damit leben und die Beurteilung des Versorgers auch anhand der vorhandenen Zuleitung selber überprüfen. Die Gleichstromleistung des Solargenerators ist jedoch richtigerweise irrelevant.
    einstein0

    33 J Erfahrung mit PV im Netzverbund. Erster zweiachsiger Tracker in Australien.
    2 kW- Hybrid-Insel im Camper, BEV: Hyundai Kona. 30kW-PV-Anlage Ost/West.
    PV-Notstromversorgung 10 kWh im MFH mit Infini 3 kW Hybrid-WR und 10 kWh Li-Testspeicher.

  • Zitat von smoker59

    Ein Gutachter wird sich ein unabhängiges Bild von der tatsächlichen Lage machen und die vom VNB angeführten Gründe einer Ablehnung auf Plausibilität prüfen. Dabei wird er die sog. anerkannten Regeln der Technik und sämtliche infragekommenden Gesetze und sonstigen Vorschriften in seine Beurteilung mit einbeziehen (die wurden ja auch alle schon im Artikel benannt).


    Es kann aber m.E. nicht dem so genannten "Stand der Technik" entsprechen, wenn der Einfachheit halber die (nur theoretisch erzielbaren) Nennwerte zusammenaddiert werden, obwohl nur die in der Praxis tatsächlich maximal erzielbaren Einspeise-Leistungen maßgeblich sein können. Immerhin gibt es ja auch keine "theoretische", sondern nur eine tatsächliche Netzüberlastung. Oder anders ausgedrückt: Wenn eine Netzüberlasung nur "theoretisch", nicht aber auch in der Wirklichkeit eintreten kann, dann kann dies aus meiner Sicht für einen Versorger kein Grund sein, den Anschluss einer PV-Anlage ans Netz wegen" drohender Netzüberlastung" zu verweigern.


    Allerdings bin ich fachtechnisch ein Laie. Verstehe ich deshalb hier vielleicht auch nur irgend etwas in technischer Hinsicht falsch?

  • Zitat von wetterhahn

    Es kann aber m.E. nicht dem so genannten "Stand der Technik" entsprechen, wenn der Einfachheit halber die (nur theoretisch erzielbaren) Nennwerte zusammenaddiert werden, obwohl nur die in der Praxis tatsächlich maximal erzielbaren Einspeise-Leistungen maßgeblich sein können. Immerhin gibt es ja auch keine "theoretische", sondern nur eine tatsächliche Netzüberlastung. Oder anders ausgedrückt: Wenn eine Netzüberlasung nur "theoretisch", nicht aber auch in der Wirklichkeit eintreten kann, dann kann dies aus meiner Sicht für einen Versorger kein Grund sein, den Anschluss einer PV-Anlage ans Netz wegen" drohender Netzüberlastung" zu verweigern.


    Du hast was wichtiges vergessen, ich hatte als erstes geschrieben:

    Zitat von smoker59

    Bei einer gerichtlichen Auseinandersetzung......


    Es gibt bislang keine gerichtliche Auseinandersetzung, folglich kein Gutachten in dem ein Gutachter sich vollumfänglich zur fachlichen Durchführung einer Netzverträglichkeitsprüfung äussert....wo kein Kläger da kein Richter :wink:


    Und selbst wenn es zur Gerichtsverhandlung mit Gutachter kommt ist es theoretisch wurscht ob sich der VNB nach den anerkannten Regeln der Technik gerichtet hat oder nicht, sofern man ihm keinen Fehler nachweisen kann passiert nichts.
    Im Artikel wird ja erwähnt, daß es weder eine Pflicht zur Dokumentation einer Netzverträglichkeitsprüfung gibt, noch eine Verordnung die vorschreibt wie diese durchzuführen wäre. Folglich wird das Nachweisen von Fehlern schon sehr schwer.

    mit freundlichem Gruß
    smoker59

  • Mich würde interessieren, welche Gründe es heute noch geben kann, die acht Wochen Frist auch wirklich ausnutzen zu müssen. Die Antragsberge können es nicht sein, und bösen Willen möchte ich ja auch nicht unterstellen.

  • Zitat von smoker59

    Und selbst wenn es zur Gerichtsverhandlung mit Gutachter kommt ist es theoretisch wurscht ob sich der VNB nach den anerkannten Regeln der Technik gerichtet hat oder nicht, sofern man ihm keinen Fehler nachweisen kann passiert nichts.
    Im Artikel wird ja erwähnt, daß es weder eine Pflicht zur Dokumentation einer Netzverträglichkeitsprüfung gibt, noch eine Verordnung die vorschreibt wie diese durchzuführen wäre. Folglich wird das Nachweisen von Fehlern schon sehr schwer.


    Aber was ist aktuell "nach den anerkannten Regeln der Technik" machbar? Und ist es trotz ihrer Anwendung überhaupt möglich, eine NVP so durchzuführen, dass das Endergebnis verlässlich ist und ggf. auch vor Gericht beweissicher bestehen kann? (Stichwort: "Beweislast-Umkehr"! - Wenn die besagten "anerkannten Regeln der Technik" bisher gar keine beweissichere NVP zulassen, dann kann logischer Weise der Netzbetreiber seine Beweispflicht nicht erfüllen!)

  • Zitat von wetterhahn


    Aber was ist aktuell "nach den anerkannten Regeln der Technik" machbar?


    Na, alles was drinsteht :roll:
    Die meissten infragekommenden Vorschriften sind doch im Artikel benannt :idea:


    Zitat

    Und ist es trotz ihrer Anwendung überhaupt möglich, eine NVP so durchzuführen, dass das Endergebnis verlässlich ist und ggf. auch vor Gericht beweissicher bestehen kann?


    Ja klar ist das möglich, warum denn nicht :?:


    Der VNB muss seine NVP zwar nicht dokumentieren aber er kann es tun und wird in der Regel zu einem Ergebniss kommen das vor Gericht bestehen kann.
    Ich bin mir aber sicher, daß auch mit einer bis ins Detail dokumentierten NVP vor Gericht trotzdem immer ein unabhängiger Gutachter hinzugezogen wird, allein schon weil der Richter nicht unbedingt "vom Fach" ist und mehr oder weniger auf die Fachexpertise eines oder ggf. sogar mehrerer Gutachter angewiesen ist.


    Ob der VNB nun die NVP dokumentiert hat oder nicht spielt dann keine Rolle mehr denn ein Gutachter wird alle auszuführenden Prüfungen sowieso nochmals vornehmen und der wird das selbstverständlich alles haarklein und auch für das gericht nachvollziehbar dokumentieren.

    mit freundlichem Gruß
    smoker59