Braucht die Energiewende einen "Masterplan"?

  • Braucht die Energiewende einen "Masterplan"?


    Ist die Energiewende eine große Maschinerie, kompliziert aber im Prinzip mit genug Studien und ausreichendem Intellekt plan- und vorhersagbar? Oder ist die Energiewende ein Ökosystem von Akteuren und Technologien, die sich in komplexer Weise gegenseitig beeinflussen und kontinuierlich weiter entwickeln?


    An diesen Fragen entscheidet sich, brauchen wir einen "Masterplan" für die Energiewende, mit eng gesetzten Zielen, die rigoros angesteuert werden? Oder brauchen wir vielmehr eine übergreifende Vision mit Leitlinien, innerhalb derer sich eine evolutionäre Entwicklung von Akteuren und Technologien ergeben kann. Die Steuerung erfolgt dann durch "Hegemaßnahmen" am Ökosystem Energiewende, die allzu extreme Entwicklungen eingrenzen, und gewünschte Entwicklungen und neue Mutationen ermutigen.


    In "A Leader's Framework for Decision Making" (https://hbr.org/2007/11/a-lead…ework-for-decision-making) haben David J. Snowden und Mary E. Boone die unterschiedlichen Situationen und Entscheidungsansätze hervorragend herausgearbeitet.


    Eine deutsche Zusammenfassung der Strategien für eine komplexe Welt findet sich hier : http://blog.brightone.de/cx/20…e_komplex_cynefin_teil-1/


    Ganz kurz zusammengefasst:
    Die Art der Entscheidungsfindung hängt von der Art der Situation ab:


    Bei einfachen Problemen ist die Lösung offensichtlich. Vom Problem zur Lösung sind es wenige einfache Schritte, die mit Fokus auf Effizienz und "Best Practice" erledigt werden: wahrnehmen - einordnen - reagieren.


    Bei komplizierten Problemen ist die Lösung zwar nicht offensichtlich, und vielleicht auch schwer zu finden, jedoch lässt sich das Problem mit ausreichendem Aufwand und Intellekt analysieren und mindestens eine angemessene Lösung bestimmen. Dies ist die Domäne der Experten, die erforderlichen Schritte sind wahrnehmen - analysieren - reagieren


    Anders ist es bei komplexen Problemen. Hier beeinflussen sich die Elemente gegenseitig, Entwicklungen sind pfadabhängig und damit auch mit größtem Aufwand und "perfektem" Wissen nicht eindeutig vorhersagbar. Hier ändern sich nicht nur die Inhalte, sondern auch die Entscheidungsrahmen und -parameter ständig. Hier muss man Rahmenbedingungen setzen, die gute Entwicklungen anregen, schlechte Entwicklungen eindämmen und neue Entwicklungen ermöglichen, sowie Experimente anstoßen und beobachten, die Bestehendes testen und neue Entwicklungen hinzufügen. Sorgfältige Beobachtung erlaubt dann ein Nachsteuern der Rahmenbedingungen, wo erforderlich: sondieren - wahrnehmen - reagieren


    Chaotische und verwirrte Situationen runden den Denkrahmen ab, sind aber in unserem Zusammenhang nicht unmittelbar relevant.


    Betrachtet man die Energiewende mit diesem Denkmodel im Hinterkopf, wird schnell klar, dass es sich beim Übergang des Energiesystems hin zu 100% Erneuerbaren um ein komplexes Problem handelt, und nicht nur um eine kompliziertes. Selbstverstärkende Zusammenhänge wie die Lernkurven für neue Technologien, also die Kostensenkung in Abhängigkeit der kumulierten Installationen, führen zu unvorhersagbaren Entwicklungen. Ohne die frühe Förderung der Photovoltaik hätte z.B. Concentrated Solar Power (CSP, solare Parabolrinnen- und Turmkraftwerke) eventuell eine Chance gehabt. Wäre CSP früher auf die Lernkurve eingestiegen als PV, hätten schnelle Kostensenkungen hier zuerst stattgefunden und CSP hätte die Photovoltaik möglicherweise abgehängt.


    Hätten sich Brennstoffzellen schneller zur Marktreife entwickelt und damit Kraft-Wärmekopplung einen entscheidenden Schritt voran gebracht, hätte sich die langsam immer deutlicher als sinnvoll wahrgenommene Kombination aus Solar- und Windstrom mit Wärmepumpen vielleicht nie gezeigt. Zudem wären wir jetzt möglicherweise an der Schwelle zu Wasserstoff-getriebenen Fahrzeugen auf Basis von Brennstoffzellen statt, wie immer deutlicher wird, an der Schwelle zur e-Mobilität.


    Die schlechteste Reaktion auf ein solches System ist der Versuch mit immer komplizierteren Regeln eine nicht erreichbare Vorhersagbarkeit zurückzugewinnen. Ein schwerer Fehler ist es, die Akteursvielfalt einzugrenzen und zu früh auf Gewinner-Technologien zu setzen. Ein unverzeihlicher Fehler ist es zudem, die Kraft des Ökosystems Energiewende zu unterschätzen, und mit untauglichen Mitteln wie einem Cap-and-Trade System Minimal-Ziele zu Maximal-Zielen zu machen, deren Überschreitung automatisch zur Verlangsamung der Entwicklung führt. Idiotisch gar die Idee per Formel den Zubau mathematisch zu begrenzen, wie im Eckpunktepapier zum EEG 2016 vorgeschlagen.
    Rigide, komplizierte Regeln führen meist zu einfachem, dummem Verhalten und damit zu sub-optimalen, wenn auch vielleicht besser vorhersehbaren und "kontrollierbaren" Lösungen.


    Was wir in einem komplexen System brauchen sind einfache, klare Regeln zur Unterstützung gewünschter Entwicklungen, denn einfache, klare Regeln befördern komplexes, intelligentes, emergentes Verhalten. Wir brauchen ein Portfolio von "Experimenten" und Entwicklungen mit einer Offenheit für die parallele Entwicklung mehrerer, auch scheinbar konkurrierender Lösungen, und eine Toleranz für das Scheitern einiger dieser Ansätze.
    Auch unkonventionelle, naive und kontra-intuitive Experimente müssen ihren Platz haben, damit sich im Ökosystem Energiewende neben den entsprechenden Landschaften für die dominierenden Spezies auch Tümpel im Unterholz bilden, in denen neue Spezies eine Chance haben, sich zu entwickeln und sich später mit den dominanten Entwicklungen zu messen.


    Was bedeutet das konkret? Was wären zur Zeit die 5 einfachen Regeln und Randbedingungen für das Ökosystem Energiewende? Meine Sicht der Dinge folgt in den kommenden Tagen.


    Gruß
    Jochen

    14,8 kWp Solar Fabrik / Fronius
    23 kWp Bosch / Danfoss
    55 kWp Frankfurt Solar / Danfoss
    30 kWp Yingli / SolarEdge
    15,8 kWp Bosch / SMA
    Geschäftsführer und alleiniger Gesellschafter der Helianthus Solar GmbH

  • Eine sehr interessante Fragestellung. Ich denke, eine Regel ist: mit heute vorhandener Technik jetzt anfangen co2 zu mindern. Gefördert durch stetig steigende CO2-Steuer.
    Was ist überhaupt unser Hauptziel? CO2 zu verringern? Energieimporte in D zu verringern?
    Unsere EE-Technologie zu vermarkten?

    Grüße von der Küste - Farmjanny
    29,94 kW Firstsolar mit 3x SMA 9000TL in 2009 SSO
    30,00 kW Firstsolar mit 1x8000 u 2x9000 in 2011 WSW
    10 kW Sunpower in 2013
    30 kW Windkraft Lely Aircon in 2017 und 9 kW - 12 kWh Speicher von Fenecon

    10 kW Sunpower an Plenticore mit BYD Speicher in 2019

  • Hallo JayM, danke Dir für diesen exzellenten Beitrag.


    (ist ein Wiederholung eines Vorschlages den ich bereits gemacht habe aber paßt sehr gut hierher -> Anreize ...)


    Grundgedanke: Alle Energiemärkte zusammengefaßt denken und besteuern, d.h. auch und vor allem Wärmemarkt und Energie für Transport und Verkehr -> Energiewende für alles


    - die Kosten der EEG Umlage werden ausschließlich auf Primärenergie (also Erdgas, Kohle, Öl mit einem identischen Satz pro KWh) finanziert. Dadurch wird die Anwendung von Strom billiger insbesondere um so regenerativer er hergestellt wird und fossile Brennstoffe werden teurer.


    -> Anreiz um z.B im Wärmemarkt schneller von Ergas und Öl auf Wärmepumpen umzusteigen
    -> Anreiz um den Einsatz von fossilen Brennstoffen in der Stromerzeugung zu verringern, da der Einsatz der fossilen teurer wird


    - Eigenverbrauch von Strom ist komplett Steuer und Umlagenfrei. Eigenverbrauchsanlagen (auch netzgekoppelte) sind komplett genehmigungsfrei. Vertrag / Genehmigung ist erst dann notwendig, wenn man eine Vergütung für den eingespeisten Strom haben möchte.


    In Summe:
    Eigenverbrauchsregelung vereinfachen und Entbürokratisieren -> PV Marktwachstum privat und gewerblich und im Mietwohnungsmarkt fördern. Das sollte sich bereits heute rechnen und selber tragen komplett förderungsfrei und ohne EEG.
    EEG Umlage aus den fossilen Primärenergien einziehen -> bürokratisch schlanke Regelung die Wind und PV wettberwerbsfähiger in ALLEN Märkten macht, d.h. auch Wärmemarkt und Transportenergiemarkt.

  • Ein sehr interessanter Ansatz, Henning_PV! Dein Gedanke hat mir erst bewusst gemacht, dass die Verkehrs- und Wärmesektoren sich bisher quasi nicht an der Energiewende beteiligen müssen – ironischerweise nur dann, wenn man als Verkehrsteilnehmer oder "Heizer" selbst die Energiewende voranbringen möchte und daher schon Elektroauto oder Wärmepumpe nutzt (gut, die alten Direkt-Stromheizer auch).


    Ein Problem beim geschilderten Vorgehen sehe ich nur bei der Verteilung der Kosten, sobald sich der Primärenergieeinsatz von fossilen Brennstoffen tatsächlich der 0 annähert. Wenn 80% der Primärenergie nachhaltig gewonnen wird und wir z.B. noch 20% Gas und ein wenig Diesel für Spezialmaschinen nutzen, müssen die Gaskraftwerke und Gasheizungen und Dieselnutzer ganz alleine sämtliche Kosten tragen, die durch das EEG jährlich auftreten. Die Umlage wäre dann vermutlich wirklich exorbitant hoch, spätestens wenn wir bei 99% nachhaltiger Energienutzung sind. Irgendwann kommt also ein Punkt, an dem man lieber friert oder einen Blackout im Stromnetz herbeiführt, als für 1kWh Gas eine Umlage zu bezahlen, die sich in extremen Regionen bewegt.


    Kurz gesagt, an diesem Punkt würde dann niemand mehr fossile Kraftstoffe nutzen, weil er sonst die gesamte Umlagenfinanzierung ganz alleine stemmen müsste. An diesem Kipppunkt würden wir also von x% nachhaltiger Erzeugung auf 100% springen, ohne Rücksicht auf irgendwelche auftretenden Verluste, weil jegliche Nutzung fossiler Rohstoffe auf einen Schlag unbezahlbar würde. Und dann wäre niemand mehr übrig, der die Umlage bezahlt, also kann auch keine Einspeisevergütung mehr bezahlt werden.


    Den Ansatz finde ich also sehr gut, es muss aber sichergestellt sein, dass sich möglichst viele/alle an der Finanzierung des EEG beteiligen, auch wenn die Umstellung auf erneuerbare Technologien weiter voranschreitet und viele daher kaum noch fossile Energie nutzen. Eine Umlage nur auf den Einsatz fossiler Rohstoffe zu erheben ist daher noch nicht ausreichend, wenn das Ziel ist, sich von der Nutzung fossiler Rohstoffe zu verabschieden. Es müssen wohl oder übel auch an anderer Stelle Gelder gesammelt werden, z.B. weiterhin über die Stromrechnung. Aber wenn man beides verbindet – Umlage sowohl auf Strom, als auch auf Gas, Öl, Benzin, Diesel – könnte die Umlage zunächst stark sinken und wie du sagst, hätten wir stärkere Anreize, von den alten Ölheizungen und Verbrennungsmotoren loszukommen. Meine Eltern haben erst letztes Jahr eine neue Ölheizung angeschafft, nachdem der Schornsteinfeger die alte nicht mehr akzeptiert hat. :?

  • Also der Punkt lässt sich leicht umgehen. Dies kann man dadurch erreichen, in dem man eine CO2-Umlage einführt. Die in den EEG-Tops speist, was dort dann an Geld noch fehlt wird über die bestehede EEG- Umlage eingesammelt.
    Da bei 100% EE auch der Börsenstrompreis näherungsweise 0ist, ist dann der Ersatz des Börsenstrompreises die EEG-Umlage.
    CO2-umlage auf alle Energieträger ist beim Import und der Gewinnung leicht zu erheben, um keine Marktverzerrung zu erreichen würde ich analog zur Mehrwertsteuer eine Möglichkeit der Exporterstatung einführen, sowie eine Importsteuer auf Fertigprodukte entsprechend der zum Produkt gehörenden CO2-Bilanz. Soweit wäre das erst einmal logisch, aber wegen der CO2-Bilanzen sehr bürokratisch.
    Wäre das mit der CO2-Abgabe an der Quelle weltweit einheitlich eingeführt, könnte man sich den Zirus mit der Verrechnung an der grenze sparen. Geht aber leider nicht, es gibt kein Welt-Finanzamt.
    Ansonsten warte ich auf JayM's zweiten Artikel :)

    Ich würde mein Geld auf die Sonne und die Solartechnik setzen. Was für eine Energiequelle! Ich hoffe, wir müssen nicht erst die Erschöpfung von Erdöl und Kohle abwarten, bevor wir das angehen.
    Thomas Alva Edison
    Trockenplatzdach 2,6kW zum Spielen :)

  • Ich hab mir mal die deutsche Zusammenfassung unter die Lupe genommen, und bin unter typhische Fallstricke auf den Punkt 4 gestoßen


    Zitat:
    Nicht schnell genug zu erkennen, dass das System gerade in die chaotische Region gekippt ist. Die Gefahr besteht darin, dass ein Vakuum entsteht, und ein fremder Akteur neue Regeln etabliert, die nicht im Sinne des Unternehmens sind.
    Zitat Ende.




    Genau das ist das seitherige Problem beim Unternehmen Energiewende. Ein fremder Akteur, sprich die Konventionellen etablieren noch so lange wie möglich ihre eigenen Regeln.


    Gruß Hadl

  • Richtig, sowas ist aber auch ein grundlegend politisches Problem und nicht nur eins der Solar bzw EE Branche.


    Die Diskussion müsste also nicht nur auf die Energiewende beschränkt sein weil man so keine Probleme löst wenn man sich nur auf ein Teilproblem stürzt anstatt das System als ganzes zu betrachten...zumindest nicht objektiv gesehen.


    Allerdings bin ich mir nicht sicher ob eine grundlegend politische Diskussion hier in der Form erwünscht ist...obwohl es eigentlich sehr wichtig wäre dafür Raum zu schaffen, ohne Diskussionen kommt nichts.

    Zitat von John Perry Barlow

    I'm a free-marketeer. I believe in free markets, but... sometimes you have things that look like free markets but aren't because of artificial reasons. I'm not very happy with the current state of what calls itself free market economy in the world because you've got all these grotesque monopolies that are able to game the system in a way that's to their advantage by virtue of their power, and that's not a free market.

  • Zitat von Henning_PV


    - die Kosten der EEG Umlage werden ausschließlich auf Primärenergie (also Erdgas, Kohle, Öl mit einem identischen Satz pro KWh) finanziert. Dadurch wird die Anwendung von Strom billiger insbesondere um so regenerativer er hergestellt wird und fossile Brennstoffe werden teurer.


    Das macht nur keinen Sinn wenn wir (Deutschland) volkswirtschaftlich gesehen (absehbar) zu unseren Mitbewerbern (andere Nationen) ins Hintertreffen geraten. Daher die Industrierabatte, niedrigere Steuer auf Diesel, ... der ganze EEG Spaß muss auch bezahlt werden können solange er nicht selbst wirtschaftlicher ist - nicht nur für den einzelnen betrachtet! Einzig ein Weltklimavertrag u. ähnliches, neben der technischen Weiterentwicklung, ist daher die Möglichkeit das global schneller durchzuziehen als für einzelne zunächst (volks-)wirtschaftlich sinnvoll. Läuft also am Ende auf die Frage hinaus: Was darf etwas mehr Umweltschutz kosten und wer bezahlt es und anhand welcher Faktoren bewertet man das.

    Nur 20 Prozent der deutschen Autobahnen haben ein fixes Tempolimit: Link

    Nur 8% der Unfälle finden auf Autobahnen statt: Link

  • Zitat von Buck Rogers

    der ganze EEG Spaß muss auch bezahlt werden können solange er nicht selbst wirtschaftlicher ist - nicht nur für den einzelnen betrachtet! ... Läuft also am Ende auf die Frage hinaus: Was darf etwas mehr Umweltschutz kosten und wer bezahlt es und anhand welcher Faktoren bewertet man das.


    Nur so als Aufhänger für die Kostenfrage - war die deutsche Industrie (als Gesamtheit, nicht einzelne Bereiche) jemals seit 2000 nicht exportfähig? Wäre die deutsche Industrie bei MWh-Preisen von 50 - 60 € nicht mehr wettbewerbsfähig? Ist konventioneller Strom bei MWh-Preisen von 35 € nachhaltig Wettbewerbsfähig?
    Gruß Matthias

    Der Horizont vieler Menschen ist ein Kreis mit Radius Null - und das nennen sie ihren Standpunkt.
    5 kWp Solarworld / SMA

  • Hier stelle ich jetzt noch den zweiten Teil des Gedankenganges zur Diskussion. Entschuldigt die Länge, ich hatte noch keine Zeit es kürzer zu schreiben ;-)


    Was wären die 5 einfachen Regeln und Randbedingungen für das Ökosystem Energiewende?


    1. Wir wollen weniger CO2 Ausstoß, da CO2 Schäden am Allgemeingut Klima verursacht. Zugleich wollen wir CO2 intensiven Industrien den Raum für eine Umstrukturierung einräumen. Hiermit hängt zugleich eine Änderung des Kraftwerksmixes weg von inflexiblen Braunkohlekraftwerken hin zu flexibleren Steinkohle und Gaskraftwerken zusammen. Auch im Verkehr und im Wärmesektor soll der CO2 Ausstoß verringert werden.
    Wichtig ist zudem, dass genügend Kapital für diese Umstellung mobilisiert wird, und dass Investitionen in CO2 Minderung mit anderen Investitionen mithalten können. Hierfür ist Verlässlichkeit und Vorhersagbarkeit der Steuerungsinstrumente sehr wichtig. Risikoerhöhung für den Investor treibt die Kapitalkosten, also Zinsen und Eigenkapitalrenditen nach oben. Effizienzinvestitionen können dann als sehr langfristige Investitionen schlecht mithalten.


    Erstens brauchen wir also eine mäßige, aber voraussehbar steigende CO2 Steuer von 20 Euro/tCO2, jährlich ansteigend um 3 Euro/tCO2 bis 70 Euro/tCO2 erreicht sind.

    Dies würde die Braunkohle zum Beispiel unmittelbar um ca. 2 c/kWh verteuern. Windkraft wäre damit an der Strombörse bereits ohne wenn und aber konkurrenzfähig. Zudem würden CO2-effizientere und zugleich flexiblere Kraftwerkstypen öfter zum Zuge kommen und damit auch ohne Kapazitätsprämien wirtschaftlich operieren. Auch der Druck auf Effizienzmaßnahmen steigt kontinuierlich, aber vorhersehbar, was Investitionen in Effizienz erleichtert.


    2. Wir wollen den Ausbau von erneuerbaren Energien, wollen aber zugleich die dadurch entstehenden Kosten im Rahmen halten. Hierfür muss man zunächst erkennen, dass die heutigen Börsenpreise von 3 bis 5 c/kWh nur durch die Energiewende zustande kommen konnten und damit nicht das Maß für die Kosten der Energiewende sein können. Ohne die Energiewende befänden wir uns jetzt mitten in einer riesigen Neubaukampagne konventioneller Kraftwerke, um den veralteten Bestand zu ersetzen. Auch hierfür reichen 3 bis 5 c/kWh nicht aus. Schaut man sich Hinkley Point C und die Kosten für neue Kohlekraftwerke an, bräuchten wir ohne Energiewende durchschnittliche Börsenpreise von 7 bis 11 c/kWh, oder wir würden weiter „auf Substanz“ leben und später umso mehr bezahlen.
    Weiterhin muss man sich bewusst machen, dass die Kosten für PV und Windkraft extrem gefallen sind und auf Augenhöhe mit neuen konventionellen Kraftwerken liegen. Nach der großen Lerninvestition jetzt bei diesen auf die Bremse zu treten, ist volkswirtschaftlich gesehen absurd ineffizient.


    Zweitens brauchen wir also einen Fördermechanismus für erneuerbare Energien, der einfach und verständlich, rechtssicher und vorhersagbar ist, und den Investoren eine gerade noch auskömmliche Rendite bietet. Rechtssicherheit und Vorhersagbarkeit sind dabei extrem wichtig. Denn nur so können wir die bei kapital-dominierten Investitionen in Erneuerbare den größten Posten, nämlich die Kapitalkosten (Zinsen und Eigenkapitalrendite) reduzieren.
    Einen solchen Mechanismus haben wir mit dem EEG und der festen Einspeisevergütung bereits im Portfolio. Mit dem atmenden Deckel wird hieraus eine gigantische Auktion, die sicherstellt, dass sogenannte Überrenditen schnell vermieden werden. Die zugefügten Mechanismen der Direktvermarktung (bringt bei dargebots-abhängigen Erneuerbaren praktisch nichts) und der Ausschreibungen (erhöht das Investitionsrisiko und beschränkt die Akteursvielfalt, und erhöht damit die Kosten) sind dabei ebenso kompliziert wie überflüssig. Einzig für offshore Wind und evtl. Wellenkraftwerke macht eine Ausschreibung angesichts der beschränkten Standorte und hohen Infrastrukturkosten Sinn.


    Wir brauchen eine Rückbesinnung auf die Ursprünge des EEG, mit technologie-abhängiger fester Vergütung zumindest für PV Anlagen bis 10 MWp und Windparks bis 20 MW, und einem atmendem Deckel mit stark angehobenen Ausbaukorridoren von mindestens je 4 GW/a für PV und Windkraft. Nicht durch das EEG geförderte Anlagen zählen bei der Bestimmung des Korridors nicht mit.

    Mit steigendem EE Anteil wird der Börsenpreis zunehmend durch die EEG Umlage ersetzt. Dies entspricht der Natur der kapitalintensiven Erneuerbaren, bei denen die Rechtssicherheit und Vorhersagbarkeit durch eine feste Vergütung das am stärksten beeinflussbare Kostenelement, nämlich die Kapitalkosten, stark dämpft.


    3. Zur Integration steigender Mengen an dargebotsabhängigen Erneuerbaren Energien müssen wir die verbrauchsnahe Erzeugung betonen, eine regional ausgewogene Verteilung der verschiedenen Erzeugungsarten erreichen sowie Verschiebungspotentiale beim Verbrauch und bei dargebots-unabhängigen Erneuerbaren heben. Eine bessere regionale Verteilung wird bei PV bereits durch die Betonung des Eigenverbrauchs erreicht.


    Die EEG-Umlage auf Direktverbrauch aus Erneuerbaren Energien und BHKW in unmittelbarer räumlicher Nähe muss wegfallen, und zwar für Eigenverbrauch sowie für den Verbrauch durch Dritte.


    EE Anlagen für den Eigenverbrauch, die Überschüsse dem System kostenfrei zur Verfügung stellen und auch sonst keine Förderung in Anspruch nehmen, dürfen bürokratie- und auflagenarm installiert werden.


    Bei der onshore Windkraft muss mit Hilfe des Referenzertragsmodels in Richtung einer ausgeglicheneren regionalen Verteilung gesteuert werden.


    Auf der Verbrauchsseite können zeitvariable Tarife zunächst für mittlere und große Verbraucher helfen, die bestehenden Potentiale zu heben. Ebenso auf der Erzeugungsseite für BHKW und Biogas, aber NICHT für dargebotsabhängige Energien.


    4. Wir müssen sinnvolle Verwendung für echte Überschüsse an erneuerbaren Energien finden. Diese haben wir zur Zeit höchstens regional. Hierbei benötigen wir einen Strommarkt, der Überschüsse der volkswirtschaftlich sinnvollsten Lösung zuführt. Dabei ist Strom volkswirtschaftlich gesehen immer mindestens den Preis von importiertem Erdgas wert bis der Strom- und Wärmemarkt zeitgleich gesättigt sind. Der bestehende energy-only Markt ist hierfür ein geeignetes Instrument. Mit der vorgeschlagenen Regelung wird im Markt eine Untergrenze für den Preis eingezogen bis Strom- und Wärmemarkt zeitgleich mit erneuerbarem Strom gesättigt sind.


    Wenn in einem Netzbereich ein echter Überschuss an Erneuerbaren Energien besteht, also in diesem Bereich alle konventionellen Kraftwerke abgeschaltet sind, und nur dann, kann Strom für Wärmenutzungen freigegeben werden. Dabei werden Steuern und Abgaben nur in dem Umfang erhoben, dass der Strom gerade noch günstiger ist als die Verbrennung von Gas zur Wärmeerzeugung.


    5. Wir brauchen Optionen und Experimente zur weiteren Ausgestaltung der Energiewende, insbesondere zur Verwendung echter EE Überschüsse sowie der Einbeziehung von Wärme und Mobilität.


    Forschungs- und Entwicklungsförderung für eine breite Auswahl von Optionen sowie eine Unterstützung beim Markteintritt für vielversprechende neue Technologien, die eine signifikante Lernkurve erwarten lassen.


    Darüber hinaus brauchen wir nicht sehr viel, denn mit diesen einfachen Regelungen erledigt sich ein Großteil der Energiewende von selbst.


    Gruß
    Jochen

    14,8 kWp Solar Fabrik / Fronius
    23 kWp Bosch / Danfoss
    55 kWp Frankfurt Solar / Danfoss
    30 kWp Yingli / SolarEdge
    15,8 kWp Bosch / SMA
    Geschäftsführer und alleiniger Gesellschafter der Helianthus Solar GmbH