Pachten statt bauen

Wer Solarstrom selbst verbrauchen will, muss nicht selbst eine Photovoltaikanlage errichten: Er kann sie mieten. Bundesweit bieten Unternehmen seit anderthalb Jahren entsprechende Modelle an. Darunter sind Energieversorger, die ihre Entwicklung zum Energiedienstleister vorantreiben, aber auch von der etablierten Energiewirtschaft unabhängige Firmen.

Anlagen bauen und verpachten - das Modell erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Foto: BSW-Solar

Anlagen bauen und verpachten – die Nachfrage nach diesem Modell steigt. Foto: BSW-Solar

Lange Zeit funktionierte der Photovoltaikmarkt in Deutschland vor allem so, dass Privatleute in ein eigenes kleines Kraftwerk investierten. Häufig auf dem eigenen Dach. Und wer über keine geeignete Fläche (mehr) verfügte, pachtete sie. Die Einspeisevergütung war so auskömmlich, dass sich die Investition trotz Pachtgebühr lohnte und sich eine stattliche Rendite auf das investierte Kapital erzielen ließ. Mit der Degression der Vergütung wurde das Modell jedoch immer unattraktiver. Auch für Hauseigentümer, die über eigene Flächen verfügten. „Wir dachten daher, wir müssen das Ganze einmal herumdrehen und ein Eigeninteresse des Gebäudeeigentümers generieren, Photovoltaikanlagen auf das eigene Dach zu holen“, sagt Stefan Seufert vom Landesverband Franken der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie e.V. (DGS).

2011 war das und der Landesverband entwickelte neue Vertriebskonzepte. Das Erste war die Stromlieferung vor Ort – also an Mieter oder Abnehmer in direkter Umgebung der Photovoltaikanlage. Wer diesen Weg einschlägt, gilt juristisch als Energieversorger. Erfolgt der Stromvertrieb ohne Transport über das Stromnetz, beschränken sich die damit eingehenden Pflichten auf die Erfassung und Anzeige der verkauften Energiemenge, um darauf dann die EEG-Umlage zu zahlen. Die Pflicht zur Abführung der EEG-Umlage lässt sich jedoch umgehen – indem eine Photovoltaikanlage angemietet wird. Ein entsprechendes Modell entwickelte die DGS Franken vor zwei Jahren.

Betreiber sein, ohne die Solaranlage zu finanzieren

Dieses hat sich Dank der Firma Greenergetic GmbH in rasender Geschwindigkeit verbreitet. Dabei wird das Solarkraftwerk auf dem Dach eines Dritten errichtet und diesem zum Mieten oder Pachten angeboten. Die Investition tätigt der Eigentümer der Anlage, den Strom nutzt der Hausbesitzer – entweder um seinen eigenen Bedarf zu decken oder um bei Einspeisung ins öffentliche Stromnetz die Einspeisevergütung zu erzielen. Je mehr er natürlich selbst verbraucht, desto stärker rentiert sich für ihn das Mieten oder Pachten der Solaranlage. Schließlich zahlt er für den Strom aus der Steckdose im Schnitt 29 Cent pro Kilowattstunde. Die Einspeisevergütung liegt heute bei Anlagen bis zehn Kilowatt Leistung bei 13 Cent pro Kilowattstunde. Steigen die Strompreise in den nächsten Jahren weiter, erhöht sich die Wirtschaftlichkeit noch.

Der Stromnutzer hat dabei nach heute geltendem Recht auf den selbst verbrauchten Strom keine Abgaben und Umlagen zu zahlen. Rechtlich ist er der Betreiber der Anlage und somit gelten für ihn die gleichen Grundsätze wie für jeden Anlagenbetreiber, der sein Kraftwerk selbst finanziert hat. Das Modell, das in dieser oder ähnlicher Form von verschiedenen Firmen heute angeboten wird, bietet zwei weitere Vorteile: Die Laufzeit eines Pachtvertrags kann zwischen den Vertragspartnern häufig individuell bestimmt werden und beträgt nicht zwingend 20 Jahre. Wer selbst in eine Solaranlage investiert, kalkuliert zumeist mit einer Betriebsdauer von 20 Jahren oder auch mehr. Beim Pachtmodell binden sich die Kunden teilweise für nicht einmal zehn Jahre. Bezüglich der Strommenge, die noch aus dem Netz bezogen wird, ist der Verbraucher zumeist frei, sich von einem Energieversorger seiner Wahl beliefern zu lassen.

Nachdem das Interesse an den erstellten Konzepten im Jahr 2012 noch verhalten war, erfreut sich die DGS Franken inzwischen regen Interesses an ihren Infopaketen inklusive Musterverträgen und den Schulungen zum Thema. Mindestens 800 Teilnehmer an den Seminaren verzeichnet die Gesellschaft bislang. Rund 1.000 mal wurden die Broschüren versendet. Auch der Bundesverband Solarwirtschaft e.V. (BSW-Solar) hat einen Leitfaden erstellt, der verschiedene Varianten des Mietens und Vermietens von Photovoltaikanlagen darstellt. Auch hier beinhaltet das Paket Musterverträge.

Rund 40 Stadtwerke errichten und verpachten Solaranlagen

Da es sich um ein wachsendes Segment handelt, haben sich natürlich auch Dienstleistungsfirmen etabliert, die bei der Umsetzung von Mietkonzepten helfen. Die bereits erwähnte Greenergetic GmbH zielt vorwiegend auf Stadtwerke und Regionalversorger ab. Für sie übernimmt Greenergetic das Marketing zum Bau von Anlagen, deren Planung und Ausführung sowie den Einkauf der Komponenten. Zudem hat das Unternehmen ein Portal für Endkunden programmiert. In diesem können sich diese anzeigen lassen, ob sich das Pachtmodell für sie lohnt. Innerhalb von rund einem Jahr haben 30 deutsche Energieversorger eine Lizenz erworben. Immer mehr Stadtwerke kämen auf Greenergetic inzwischen zu. „Es gibt eine Marktveränderung in der Energiewirtschaft“, sagt Vertriebschef Christian Hodgson, „wer sich als Energiedienstleister versteht, wird das Rennen machen.“

So sieht das auch die N-ERGIE AG aus Nürnberg. Der fränkische Energieversorger gehört zu den ersten Lizenznehmern von Greenergetic. Das strategische Ziel des Unternehmens sei „die Weiterentwicklung vom reinen Energieversorger hin zum Energiedienstleister und damit auch die Erschließung neuer Wertschöpfung“, erklärt Unternehmenssprecherin Annemarie Endner. Mehrere Dutzend Photovoltaikanlagen hat N-ERGIE in den vergangenen zwölf Monaten bei eigenen Stromkunden in der Region errichtet. Im Schnitt geht das Unternehmen davon aus, dass die Kunden etwa ein Viertel des Sonnenstroms direkt verbrauchen und den Rest einspeisen. Aussagen, wie sich das im Strombezug niederschlägt, kann das Unternehmen noch nicht sagen. Auch konkrete Auswirkungen auf das Lastverhalten wurden noch nicht ermittelt.

Greenergetic: „Am Ende haben alles etwas davon“

Das Konzept von Greenergetic ist dabei so angelegt, dass mit dem Hauseigentümer zwei Verträge geschlossen werden: Ein Pachtvertrag über die Nutzung der Dachfläche und ein Pachtvertrag zur Verpachtung der Anlage an den Hauseigentümer, der somit Betreiber wird. Pflege, Wartung oder der Abschluss einer Versicherung obliegt ihm. „Wir können das aber auch anbieten wenn gewünscht“, sagt Hodgson. Die Verträge haben unterschiedliche Laufzeiten. Was am Ende mit der Anlage geschieht, ist dabei offen: Grundsätzlich kann die Anlage vom Energieversorger wieder abgebaut werden. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass eine neue Vereinbarung gefunden und das System weiter betrieben wird. Das zu verhandeln, obliegt den Vertragspartnern bei Laufzeitende.

Zu den Lizenz nehmenden Energieversorgern gehören neben N-ERGIE die Stawag in Aachen, die Stadtwerke Neumünster, die Drewag in Dresden, die MVV in Mannheim, die Lechwerke in Augsburg und die Rhenag in Köln. Es handelt sich also vorwiegend um Stadtwerke in Großstädten. Wie viele Anlagen diese alle zusammen bislang errichtet haben, ist bislang nicht ermittelt. Es werden aber sicherlich mehrere 100 sein. Im Schnitt seien die Anlagen fünf Kilowatt groß, vornehmlich auf Eigenheimen aber auch auf Gewerbebetrieben, sagt Hodgson. Die Betreiber erhalten zudem Tipps, wie sie ihren Eigenverbrauch steigern können.

Für Installateure fällt Akquise von Kunden weg

Der Vorteil eines Stadtwerks ist, dass es in seiner Region bekannt ist und durchaus hohes Vertrauen in der Bevölkerung genießt. Das Konzept von Greenergetic sieht dabei vor, dass die Firma für die Planung und den Einkauf zuständig ist. Gemeinsam mit dem Energieversorger werden Installateure in der jeweiligen Region ausgewählt, die die Anlagen errichten. Für die Handwerksbetriebe fällt damit die Akquise von Kunden weg. „Am Ende haben alles etwas davon“, sagt Hodgson. Der Installateur hat weniger Aufwand bei der Ausübung seines Handwerks, der Energieversorger bindet Kunden stärker an sich und erschließt eine neue Einnahmequelle aus den Pachtgebühren. Der Kunde spart wiederum Geld durch den Eigenverbrauch des Stroms.

Die Lizenznehmer von Greenergetic sind jedoch nicht die einzigen Energieversorger, die Miet- oder Pachtmodelle für Photovoltaikanlagen anbieten. Das Trianel-Netzwerk hat für seine angeschlossenen 60 Stadtwerke ebenfalls ein Modell erarbeitet, das sich in einigen Punkten von jenem von Greenergetic unterscheidet. „EnergieDach“ heißt das Produkt, das in Form von Contracting umgesetzt wird. Das bedeutet, das Stadtwerk errichtet nicht nur die Photovoltaikanlage und bleibt sein Eigentümer. Auch die Wartung und die Reparaturen erledigt der Energieversorger. Dem Kunden wird lediglich der Betrieb der Anlage übertragen. Die Laufzeit für das Contracting beträgt acht bis 18 Jahre – über die jeweilige Zeitspanne hat das Stadtwerk die Investition abgeschrieben und auch Gewinn erwirtschaftet. Die Gebühren werden entsprechend der Vertragsausgestaltung und den Bedingungen vor Ort individuell berechnet.

Nach Ende der Laufzeit bietet sich für die Kunden die Möglichkeit zum Kauf der Anlage. Die entsprechenden Programme zur Planung und Kalkulation der Anlage und die Vertragsentwürfe bietet Trianel den angeschlossenen Versorgern an. Bislang setzen zehn Stadtwerke aus dem Verbund das Modell um. Mit 30 weiteren laufen Verhandlungen, heißt es von Trianel. Zur Zahl der Endkunden macht der Verbund keine Angaben.

Modell von DZ-4: Nach zehn Jahren Möglichkeit zum Kauf

In dem neuen Marktsegment tummeln sich jedoch nicht nur Energieversorger und ihre Dienstleister sondern auch von der etablierten Energiewirtschaft unabhängige Unternehmen. Ein Vorreiter ist die DZ-4 GmbH, die etwa zeitgleich mit der DGS Franken ein Modell zur Vermietung von Photovoltaikanlagen erarbeitet hat. Im Dezember 2012 errichtete die Firma die erste Anlage. Bis heute verzeichnet sie mehrere Dutzend Kunden. DZ-4 bietet dabei alle Leistungen aus einer Hand: Die Firma plant die Anlage entsprechend dem Bedarf und den baulichen Aspekten vor Ort. Partnerunternehmen aus verschiedenen Regionen in Deutschland errichten das Kraftwerk und beheben auch Störungen im Betrieb und erledigen Reparaturen.

Der Mietvertrag läuft über zehn Jahre zuzüglich des Inbetriebnahmejahrs. Auch hier wird zusätzlich ein Pachtvertrag über die Dachfläche zwischen DZ-4 und dem Hauseigentümer geschlossen. Dieser läuft über 20 Jahre. Das heißt, wenn der Mietvertrag endet, bleibt die Anlage installiert und produziert weiter Strom. Der Hauseigentümer kann nach zehn Jahren wählen, ob er im Jahresturnus seinen Mietvertrag verlängern will, ob er die Anlage kaufen will oder ob er den Mietvertrag beenden will. In letzterem Fall betreibt DZ-4 dann die Anlage bis zum Auslaufen des Pachtvertrags weiter und speist den Strom komplett ins Netz. Nach 20 Jahren baut DZ-4 das System wieder ab, wenn es zuvor nicht vom Hauseigentümer erworben wurde. Die Kunden zahlen einen festen Grundpreis, der sich individuell nach Anlagengröße und den örtlichen Gegebenheiten bestimmt. Über die Internetseite können sich Interessenten ausrechnen lassen, was ihnen das Modell bringen kann.

Eines unterscheidet das Modell von DZ-4 noch von dem der anderen Anbieter: Die Strommenge, die der Hauseigentümer aus dem Netz zieht, bezieht er von einem festen Versorger, dem Ökostromanbieter Naturwatt. Geht er also den Mietvertrag mit DZ-4 ein, erklärt er zugleich einen Liefervertrag mit Naturwatt. „Wir wollen ein 100-prozentiger Stromanbieter sein“, erklärt Geschäftsführer Florian Berghausen.

Neue Angebote: Speichersysteme zum Mieten

In Frage gestellt werden kann das Modell durch die Politik. Bislang war der Eigenverbrauch von Solarstrom von der EEG-Umlage befreit. Das soll nach dem Willen der Bundesregierung nicht so bleiben. Allerdings sieht der Entwurf der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) eine Bagatellgrenze bei der Belastung von Eigenverbrauchsanlagen vor. Im Entwurf liegt diese bei zehn Kilowatt Leistung. Der Bundesrat hat nun einen Antrag verabschiedet, dass sie auf 30 Kilowatt angehoben werden soll. Die Vermarktung der Mietanlagen hat das Gezerre um die Eigenverbrauchsbelastung durchaus beeinträchtigt, sagen manche Anbieter. Allerdings errichten die Firmen bewusst Systeme mit weniger als zehn Kilowatt Leistung. „Sollte die Bagatellgrenze wider Erwarten entfallen, so würde sich das Modell sicherlich für den Kunden weniger lohnen“, sagt die N-ERGIE-Sprecherin Annemarie Endner.

Wenig verbreitet sind bislang bei allen Modellen Speichersysteme, wenngleich sich damit natürlich der Eigenverbrauch stark erhöhte. „Unser System ist darauf vorbereitet, es rechnet sich jedoch noch nicht“, sagt Hodgson von Greenergetic. Erste Kunden fragten aber nach entsprechenden Lösungen. DZ-4 bietet bereits ein Modell mit Speicher an. „Autark“ heißt es. Ein Selbstversorgungsgrad von mehr als 60 Prozent wird damit angestrebt. Die Hälfte der Kunden wähle das Autark-System. „Das Interesse geht zum Speicher, auch wenn’s teurer ist“, sagt Geschäftsführer Berghausen. Die Trianelgruppe bereitet ebenfalls ein Angebot vor, bei dem Lithiumionenbatterien zum Einsatz kommen. Der Speicher bleibt dabei ebenfalls im Eigentum des jeweiligen Anbieters. Die Pacht-, Miet- oder Contractinggebühren liegen aber dann natürlich höher. Interessenten sollten sich über die jeweiligen Portale am besten selbst berechnen lassen, was sie zu zahlen hätten.

    Autor: Ines Rutschmann » 02.06.2014, 11:47
    Veröffentlicht in: Praxis, Wirtschaft



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