Rundsteuerempfänger vor dem Aus?

 

Damit Photovoltaikanlagen regelbar sind, wurden diese in den vergangenen Jahren mit Steuerungstechnik ausgerüstet. In mittelgroßen Systemen griffen Netzbetreiber vor allem auf die Rundsteuertechnik zurück. Möglicherweise hat diese bald ausgedient: Die Bundesregierung überlegt, die Steuerung von Erneuerbare-Energien-Anlagen auf intelligente Messsysteme zu übertragen. Dies bedeutete dann vermutlich auch, dass bisher installierte Rundsteuerempfänger zu ersetzen wären.

 

Photovoltaikanlagen müssen in ihrer Einspeiseleistung reduziert werden können. Hier bahnen sich für Betreiber neue Regelungen an. Foto: J. Haar

Photovoltaikanlagen müssen in ihrer Einspeiseleistung reduziert werden können. Hier bahnen sich für Betreiber neue Regelungen an. Foto: PV-Forum-User Soeren-Solar

Erneuerbare-Energien-Anlagen sollen Verantwortung für die Sicherheit des Stromnetzes übernehmen. Wenn beispielsweise mehr Ökostrom eingespeist wird, als Abnahme herrscht, müssen die Netzbetreiber die Kraftwerke herunter regeln können, damit ihnen das Netz nicht kollabiert. Darin war sich die Branche und die Netzbetreiber bereits 2008 einig. So wurde im Erneuerbare-Energien-Gesetz festgeschrieben, dass die Wirkleistung von Anlagen in brenzligen Situationen im Netz reduziert werden darf. Ab einer installierten Leistung von mehr als 30 Kilowatt ist bis heute eine Fernsteuerung vorgesehen. Bei kleineren Systemen reicht es, wenn die maximal eingespeiste Leistung 70 Prozent der installierten Leistung beträgt. Zur Umsetzung der gesetzlich vorgeschriebenen Fernsteuerung entschieden sich die meisten Netzbetreiber für Systeme bis etwa 100 Kilowatt Leistung, die Rundsteuertechnik zu nutzen. Nicht nur in neue Solarstromanlagen wurden entsprechende Empfänger eingebaut. Tausende Bestandsanlagen waren bis Ende 2012 nachzurüsten, damit die Netzbetreiber deren Leistung bei Bedarf reduzieren können.

 

Die Rundsteuertechnik hat sich aus Sicht des Bundesverbands Erneuerbare Energien (BEE) bis heute bewährt. „Sie ist sicher, einfach, robust und billig“, fasst Holger Loew, Leiter Infrastruktur und Technik, zusammen. Zwei Nachteile gibt es auch, fügt er hinzu: Die Frequenzen zur Übertragung der Signale an den Rundsteuerempfänger seien begrenzt und damit die Gefahr gegeben, dass sich die Netzbetreiber beim Regeln gegenseitig in die Quere kommen. Zudem erfolgt die Kommunikation nur in eine Richtung: Der Netzbetreiber signalisiert den Anlagen in einem bestimmten Gebiet, dass ihre Wirkleistung zu drosseln ist. Die Anlagen geben aber kein Signal zurück, ob sie jetzt wirklich in die Leistungsbegrenzung gehen. Ein einzelne Anlage lässt sich über die Technologie zudem nicht ansteuern, sondern alle Systeme in einem Gebiet synchron. Für Loew sind diese Nachteile aber kein Grund, sich von der Rundsteuertechnik abzuwenden.

 

„Ablösetechnologie für Rundsteuerempfänger“

 

Genau das geschieht aber gerade. Im Forum Netztechnik/Netzbetrieb (FNN) im Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE) suchen die Mitglieder der Arbeitsgruppe Intelligente Netze und Zähler nach einem Ersatz für die Rundsteuertechnik. Aus zwei Gründen habe diese bei der Leistungsregelung von Erneuerbare-Energien-Anlagen ausgedient, erklärt Mike Elsner vom FNN auf Anfrage: Zur Steuerung von Lasten und Erzeugungseinheiten brauche es einen bidirektionalen Datenverkehr. Wie erwähnt erfolgt die Kommunikation bei Rundsteuerempfängern nur in eine Richtung. Und die Geräte müssten den Anforderungen des neu definierten Schutzprofils des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) entsprechen. Das BSI hat einen entsprechenden Katalog für intelligente Zähler und Messsysteme vorgelegt. Bisher steht jedoch nirgendwo festgeschrieben, dass die Steuerung für dezentrale Stromerzeugungsanlagen über intelligente Messtechnik erfolgen müsste. Nur dann unterlägen sie dem entsprechenden BSI-Schutzprofil.

 

Geht es aber nach dem FNN, so sollen Wind- und Photovoltaikanlagen künftig über intelligente Messsysteme und eine daran angekoppelte oder in diese integrierte Steuerbox geregelt werden. Die Definition der Parameter der Steuerbox befindet sich bereits in Arbeit. Der FNN will nächstes Jahr ein entsprechendes Lastenheft vorlegen. Die Steuerbox diene damit „als Ablösetechnologie für Rundsteuerempfänger und Zählersteuerkontakte“, trug Norbert Malek, Geschäftsführer der EMH metering GmbH & Co. KG zu einer Tagung des FNN vor zwei Wochen vor. Die RWE Deutschland AG rechnet mit 17 Gigawatt Photovoltaik- und Windleistung, die mit Steuerboxen zu versehen wären – ein großer Markt wäre das. Auf der Tagung wurde nicht mehr die Frage des Ob diskutiert. Es ging darum, wie die „Ablösetechnologie für die Rundsteuertechnik“ konkret auszusehen hat.

 

Bis 2020 sollen flächendeckend intelligente Zähler installiert sein

 

Auslöser für die gesamte Entwicklung ist das dritte Binnenmarktpaket der Europäischen Union. Es sieht vor, dass in den Mitgliedsländern bis 2020 intelligente Zähler flächendeckend bei den Verbrauchern zu installieren sind (auch als sogenannter Rollout bezeichnet). Im Gegensatz zu vielen anderen Staaten hinkt Deutschland beim Einbau von Smart Metern hinterher. Das liegt daran, dass die Beratungsagentur Ernst & Young den Geräten im vergangenen Jahr einen geringeren Nutzen bescheinigte, als was sie kosteten. So zögerte die Bundesregierung bislang, den Rollout per Gesetz zu verordnen. Statt dessen appellierte sie wiederholt an die Hersteller: „Der Weg zum Rollout führt über Produkte, die überzeugen“, erklärte Alexander Kleemann, Referent für intelligente Netze und intelligente Zähler im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) zu der bereits erwähnten Fachtagung des FNN. Das Messsystem sollte nicht über eine Einbauverpflichtung Einzug in die deutschen Haushalte halten, sondern über seinen Nutzen gerechtfertigt sein. Ein großes Versprechen wohnt intelligenten Zählern inne: Dass sie zu einem geringeren Stromverbrauch führen – von 10 bis 15 Prozent geht die Branche aus. Aus diesem Ersparnis muss sich das Messsystem bezahlen lassen.

 

Bis 2020 sollen intelligente Zähler flächendeckend in Deutschland installiert sein. Die Bundesregierung sträubte sich bisher, diese Forderung der EU umzusetzen. Foto: Landis+Gyr

Bis 2020 soll der Rollout intelligenter Zähler erfolgen. Deutschland zögert, die Forderung der EU umzusetzen. Foto: Landis+Gyr

Offenbar aufgrund des negativen Ergebnisses der Untersuchung entwickelten die Autoren der Ernst & Young-Studie ein zweites Szenario namens „Rollout Plus“ und nahmen auch hier eine Kostenanalyse vor. Das Szenario sieht vor, bei dezentralen Erzeugungsanlagen mit mehr als 250 Watt (!) Leistung intelligente Messsysteme einzubauen. Über diese soll dann ein aktives Einspeisemanagement betrieben werden. Das bedeutet, dass die Wirkleistung von Erneuerbare-Energien-Anlagen nicht nur reduziert wird, wenn das Netz sonst Gefahr liefe zusammenzubrechen. Sondern, dass durch eine häufigere Reduzierung der Wirkleistung ein sonst erforderlicher Netzausbau ausbleiben kann. Das würde wohl Millionen Euro an Investitionen sparen. Allerdings erlaubt weder das Erneuerbare-Energien-Gesetz noch das Energiewirtschaftsrecht solch ein aktives Einspeisemanagement, sondern lediglich die Abregelung im Notfall.

 

Intelligente Messsysteme für EEG-Anlagen, damit sich Rollout rechnet

 

Für drei Gruppen berechneten die Gutachter der Ernst & Young-Studie im Plus-Szenario einen verpflichtenden Einbau intelligenter Messtechnik: Für Haushalte mit einem Stromverbrauch von mehr als 6.000 Kilowattstunden im Jahr sowie in Neubauten und stark renovierten Häusern. Dies ist auch so im Energiewirtschaftsgesetz festgelegt. Umgesetzt wird der Paragraf bislang noch nicht, weil noch einige Vorschriften die intelligenten Zähler und Messgeräte betreffend fehlen. Für EEG-Anlagen (und auch KWKG-Anlagen) ist im Gesetz bislang ein verpflichtender Einbau für Systeme größer sieben Kilowatt Leistung vorgesehen – nicht größer 250 Watt. „Durch die Erhöhung der Gesamtrolloutquote mit intelligenten Zählern ergeben sich weitere Skaleneffekte und die Möglichkeit zur Mischkalkulation“, begründen die Autoren der Studie die Absenkung der Leistungsgrenze. Gesamtwirtschaftlich sei das Plus-Szenario damit zu empfehlen. Der Ansatz mit dem aktiven Einspeisemanagment für Systeme größer 250 Watt Leistung hielt nur deswegen in die Diskussion Einzug, „weil es der einzige Weg ist, dass sich ein Rollout rechnen kann“, kommentiert Holger Loew vom BEE.

 

Sollte der Einbau intelligenter Messsysteme für EEG-Anlagen gesetzlich vorgeschrieben werden, bedeutete das mit hoher Wahrscheinlichkeit das Aus für die Rundsteuertechnik. Aber nicht nur in neuen Systemen – auch in Bestandsanlagen wären die Empfänger bei den Anlagenbetreibern durch intelligente Geräte zu ersetzen. Denn die Netzbetreiber würden das Regeln der Einspeiser nicht über unterschiedliche Technologien vornehmen. Mehrere Beteiligte berichten, dass einigen Netzbetreibern die Vorschläge von Ernst & Young und vom FNN gar nicht schmecken. So muss es auch nicht wundern, dass sich der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.V. (BDEW), der die meisten Netzbetreiber unter seinem Dach vereint, nicht direkt auf eine Anfrage äußert. Statt dessen wird auf eine Stellungnahme vom Januar verwiesen, die auf der Internetseite nicht mehr abrufbar ist: „Der BDEW begrüßt eine Einbauverpflichtung von intelligenten Messsystemen bei EEG- und KWKG-Anlagen, sofern sachgerechte Übergangs- und Ausnahmevorschriften getroffen werden“, heißt es dort. Der Verband tritt für eine Anhebung der Einbaugrenze pro Anlage von mehr als 250 auf mehr als 800 Watt Leistung ein. Wichtig ist ein weiterer Zusatz: Es solle Ausnahmen von einer Einbauverpflichtung geben, wo „keine Änderung der Netzdienlichkeit“ zu erwarten sei.

 

Kritik von Verbraucherzentrale und Bundesverband Solarwirtschaft

 

Neben dem BEE lehnen weitere Verbände den Vorstoß bei dezentralen Stromerzeugungsanlagen weitestgehend ab. Die Verbraucherzentrale Bundesverband e. V. kritisiert, dass eine „nachträgliche Umrüstung eine recht erhebliche Belastung darstellt und zum anderen auch auf Seiten der Netzbetreiber wenig Interesse an den Daten von kleinen Anlagen besteht“. Der Bundesverband Solarwirtschaft e.V. (BSW-Solar) hält eine Steuerbox für Solarstromanlagen lediglich ab 100 Kilowatt Leistung für sinnvoll. „Damit ist es möglich, verschiedene Nutzer über Kommunikationsschnittstellen zu vernetzen“, sagt BSW-Hauptgeschäftsführer Carsten Körnig. Kleinere Anlagen sollten dagegen selbstgesteuert betrieben werden. Zudem warnt Körnig, voreilig Vorschriften zu erlassen. Schließlich könnten die Verteilnetzbetreiber heute noch kein aktives Einspeisemanagement betreiben, da die dazu notwendigen Messstellen fehlten. Damit bestehe die Gefahr, dass die Kommunikationsschnittstellen nicht mehr dem Stand der Technik entsprächen, wenn sie eines Tages benötigt würden. „Dann müssten sie ausgetauscht werden, ohne je genutzt worden zu sein“, gibt er zu bedenken.

 

Bis 2020 muss Deutschland das dritte Binnenmarktpaket aber nun einmal erfüllen. Dazu feilt das BMWi seit geraumer Zeit an einem ganzen Verordnungspaket namens „Intelligente Messsysteme“. Bis Jahresende soll es im Entwurf vorliegen, heißt es vom Ministerium auf Anfrage. Wann die einzelnen Gesetze (insgesamt fünf) in Kraft treten sollen, ist noch offen. Auf die Frage, inwieweit die Steuerungstechnik für Erneuerbare-Energien-Anlagen dabei reformiert werden soll, antwortet das Ministerium ausweichend: Das Herzstück eines intelligenten Messsystems, der Smart Meter Gateway, werde grundsätzlich auch geeignet sein, einen sicheren Kommunikationskanal für die Anbindung von Erneuerbaren-Energien-Anlagen bereitzustellen. „Die Frage, ob und unter welchen technischen und zeitlichen Rahmenbedingungen für bestimmte Fälle ein Technologiewechsel erforderlich ist, wird im Rahmen des Verordnungspakets Intelligente Messsysteme zu behandeln sein.“ Wohin die Reise geht, scheint von Seiten des Gesetzgebers noch offen – auch wenn die Experten im FNN bereits Nägel mit Köpfen machen.

 

Dena-Studie unterstützt Einbau intelligenter Messsysteme

 

Beinahe unbemerkt erschien nun vorige Woche eine weitere Studie. Das BMWi hatte die Deutsche Energieagentur (dena) beauftragt, auf Basis des Gutachtens von Ernst & Young nochmals die Kosten eines Rollouts zu untersuchen. Auch hier lautet das Ergebnis, dass der flächendeckende Einbau intelligenter Zähler bei allen Verbrauchern – so wie von der EU gewünscht – die Verbraucher zu teuer käme. Für den Einbau intelligenter Messsysteme in Erneuerbare-Energien-Anlagen kommen die Autoren hingegen zu dem Schluss, dass „auf Erzeugerseite eine netzdienliche Wirkung erzielt werden“ kann, da das Einspeisemanagement als dauerhafte Lösung zur Vermeidung von Netzumbau und Netzausbau angenommen wird.

 

Die dena-Smart-Meter-Studie nennt auch Zahlen zur Installation von neuer Steuerungselektronik: Bis zum Jahr 2020 könnten etwa 1,3 Millionen Geräte eingebaut werden, um Wind- und Photovoltaikanlagen in ihrer Einspeiseleistung zu begrenzen. Damit würden alle Systeme größer sieben Kilowatt Leistung erfasst sein. Bis 2030 könnten dann alle kleineren Systeme größer 250 Watt Leistung mit neuer Steuertechnik ausgerüstet sein. Abschließend empfehlen sie, eine Steuerbox zu entwickeln und zunächst zu testen. Keine Aussage treffen sie dagegen, inwieweit die Einsparungen auf Netzseite die Anschaffung eines intelligenten Messsystems tragen. Eine Berechnung und ganz einfach Zahlen zu den Infrastrukturkosten fehlen komplett.

 

Diskussion offener Fragen in nächsten Monaten angestrebt

 

Die Steuerbox befindet sich – wie bereits erwähnt – in Arbeit. Unklar ist dabei, wer sie bezahlen soll und wer der Eigentümer sein wird: Der Netzbetreiber oder der Anlagenbetreiber? Mit Vorschlägen diesbezüglich halten sich der FNN als auch die Autoren der Ernst & Young-Studie und der dena-Studie zurück. Auch ob es Übergangsfristen geben soll, wenn bestehende Rundsteuertechnik zu ersetzen wäre, ist offen. Das alles werde in den nächsten Monaten diskutiert, heißt es vom Bundeswirtschaftsministerium. Die dena-Autoren sprechen sich immerhin für einen gewissen Bestandsschutz für installierte Steuerungsgeräte aus. Aber nur „sofern eine vergleichbare Steuerungs- und Kontrollmöglichkeit im Netzbetrieb wie über ein intelligentes Messsystem erzielt wird“.  

 




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