Energiewirtschaft sieht ihre Zukunft in der Informationstechnologie

VonInes Rutschmann

Energiewirtschaft sieht ihre Zukunft in der Informationstechnologie

Intelligente Zähler sind in Deutschland noch rar gesät. In der intelligenten Datennutzung liegt aber nach Auffassung der neuen wie der alten Energieversorger die Zukunft. Durch eine intensive Analyse von Verbrauchs- und Erzeugungsdaten könnten neue Geschäftsmodelle und Umsatzpotenziale kreiert werden, die notwendig sind, wenn der Energieabsatz an die Kunden infolge einer effizienteren Nutzung und der wachsenden Eigenversorgung sinkt, sind sich die Unternehmen sicher.

Bei der Digitalisierung der Wirtschaft sieht EU-Kommissar Günther Oettinger die Energiebranche ganz vorn. Foto: Europäische Kommission

Bei der Digitalisierung der Wirtschaft sieht EU-Kommissar Günther Oettinger die Energiebranche ganz vorn. Foto: Europäische Kommission

Die Energiebranche befindet sich im Wandel. Als die Herausforderung in den kommenden Jahren diskutieren die Unternehmen jedoch immer weniger die Trendwende bei der Energieerzeugung und den Siegeszug regenerativer Quellen als neue Geschäftskonzepte. Jene neuen Konzepte gehen mit einer neuen Nutzung von Daten einher. Die sogenannte digitale Revolution beschränkt sich nicht auf die Energiewirtschaft. Aber der EU-Kommissar für digitale Wirtschaft und Gesellschaft, der Deutsche Günther Oettinger (CDU) glaubt, dass der Energiesektor neben dem Mobilitätssektor der stärkste in diesem Feld sein wird. „Daten sind ein Rohstoff, sie sind das Öl der Zukunft“, sagte Oettinger bei einer Tagung des Bundesverbands neue Energiewirtschaft (bne) vergangene Woche. „Wer innovativer Berater und Dienstleister bleiben will, braucht Mobilitätskompetenz und Energiekompetenz.“ Beide Sektoren werden mehr oder weniger miteinander verschmelzen, ist der Politiker überzeugt. Und er ist damit nicht allein: Auch Mitgliedsunternehmen des bne gehen von einer kommenden Symbiose aus.

Warum Daten gerade im Energiebereich immer wichtiger werden, begründete Oettinger mit dem Wandel des Sektors. Die Erzeugung, Umwandlung und der Transport von Energie werde an Bedeutung verlieren, sagte er. Die neue Energiewelt werde bestimmt durch Prosumer, also Konsumenten, die nicht nur Energie beziehen sondern auch selbst Strom und Wärme erzeugen wie Betreiber von Photovoltaikanlagen oder Blockheizkraftwerken. Über intelligente Netze sollte die Steuerung der Kraftwerke, aber auch der Nachfrage erfolgen. „Wir müssen mit dem bestehenden Leitungsnetz auskommen, daher geht das nur mit digitaler Intelligenz.“ Die Bürger würden künftig erleben, dass sie von Geräten umgeben seien, die alle intelligent sind. Die von den Geräten erfassten Daten für neue Dienstleistungen zu nutzen – das sehen Oettinger und auch eine Vielzahl der Energieunternehmen als ihre Zukunftschance. „Die Energiewirtschaft wird die erste voll digitalisierte Wirtschaft sein“, sagte Gero Lücking, Direktor Energiewirtschaft bei Lichtblick im Anschluss an Oettingers Vortrag.

Energiemarkt werde künftig durch Eigenerzeugung und -verbrauch bestimmt

Informationstechnologie und Energie wüchsen zusammen. „Die Kunden entscheiden darüber, ob sie sich Speicher zulegen. Das ist eine Entwicklung von unten aus dem Markt heraus. Als Unternehmen müssen wir kucken, wie wir damit umgehen“, sagte Lücking weiter. Der künftige Energiemarkt werde bestimmt durch Eigenerzeugung und Eigenverbrauch der Kunden, die künftig bis zu vier Zählpunkte haben werden und systemdienlich Energie einspeisen und verbrauchen. Der Reststrombedarf werde im Durchschnitt deutlich geringer als die heutigen 3.500 Kilowattstunden im Jahr ausfallen. „Dann ändert sich natürlich vollständig die Bilanzierung und die Wirtschaftlichkeit“, sagte Lücking, „es ist anders und komplizierter. Der Kunde hat kein Interesse mehr an reiner Stromversorgung, sondern er will eine wirtschaftliche Optimierung seiner Investition.“ Diesen Service sollten Dienstleister erbringen.

Lichtblick sieht sich hierbei als Innovationsführer und Dienstleister im Zukunftsmarkt. „Wir machen den Strom schlau und wandeln uns zum IT-Unternehmen“, erklärte Lücking. Die Plattform Schwarmdirigent, über die das Unternehmen schon heute Blockheizkraftwerke bei Kunden miteinander vernetzt, soll eine offene Plattform werden. „Auch andere sollen sich dort bedienen können“, fügte er hinzu. Damit meint er Händler, Dienstleister oder auch die Wohnungswirtschaft.

Europäische Kommission will europaweite Normen für Sicherheit und Datenschutz

Nicht nur die Mitgliedsfirmen des bne fokussieren sich auf die Digitalisierung ihrer Geschäftsmodelle. Auch die kommunale Energiewirtschaft beschreitet diesen Weg. „Wir müssen uns diesem Thema widmen“, sagte Hans-Joachim Reck auf einer Tagung vor zwei Wochen zu den Anwesenden. Reck ist Hauptgeschäftsführer des Verband kommunaler Unternehmen (VKU), dem die meisten Stadtwerke angehören. Mit dieser Tagung sollte das Thema ganz oben auf die Agenda der kommunalen Unternehmen gesetzt werden, fügte Reck hinzu, „wenn wir das nicht tun, werden wir uns an der Zukunft versündigen.“ Auch beim VKU sieht die Zukunftsstrategie ähnlich aus: Aus vorhandenen Daten über den Energieverbrauch und die Energieerzeugung sollen neue Angebote für Kunden entwickelt werden. Diese können sich um Energieeffizienz, eine dezentrale Versorgung oder Intelligenz in der Haustechnik drehen. Um dies zu meistern, denken die Stadtwerke dabei auch stark an Kooperationen mit anderen Unternehmen, die neu in den Energiemarkt vorstoßen oder bislang beratend tätig sind.

Für EU-Kommissar Oettinger steckt in der Digitalisierung der Wirtschaft natürlich auch großes ökonomisches Potenzial. Er setzt sich daher für länderübergreifende Normen in Europa ein. Dies sei Voraussetzung, um einen digitalen Binnenmarkt in Europa zu schaffen. Denn dann sei die Europäische Union der größere Markt als die USA. Auf diese Weise erhofft sich die Europäische Kommission mehr Investitionen von Unternehmen in Europa. Europa stehe nun vor einer „Normungswelle“. „Wer in unserem Markt agieren will als Dienstleister, der muss unsere Regeln beachten.“ Oettinger denkt dabei insbesondere an Datenschutz und Datensicherheit. Die Europäische Kommission arbeite gerade an einer Gesetzgebung für ein Mindestmaß an digitaler Sicherheit.

Mit Einbaupflicht intelligenter Messsysteme könnte digitale Energiewirtschaft wachsen

In Deutschland ist die Bundesregierung derweil noch mit dem Entwurf für das Verordnungspaket „Intelligente Netze“ beschäftigt. Es beinhaltet unter anderem die Einbauverpflichtung von intelligenten Messsystemen für Netznutzer mit einem Stromverbrauch von mehr als 6.000 Kilowattstunden im Jahr sowie von Betreibern dezentraler Erzeugungs- und Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen größer sieben Kilowatt Leistung. Wird das Verordnungspaket wie geplant noch vor dem Sommer von Regierung und beiden Parlamenten beschlossen, gilt die Einbaupflicht nach bisheriger Planung des Bundeswirtschaftsministeriums stufenweise ab 2017. Bis dahin dürften dann Dienstleister mit neuen Geschäftskonzepten aufwarten, die ihren Service auf die Datenerfassung, die Steuerungsmöglichkeit und die Datenübermittlung von intelligenten Messsystemen aufbauen.

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Ines Rutschmann editor